1613: Helmut Kohl und die Juden

Helmut Kohl ist nun beerdigt. Die Auseinandersetzungen davor waren wohl eher privat-familiär als politisch begründet. Der Herausgeber der „Jewish Voice from Germany“ (Deutsche Ausgabe in Zusammenarbeit mit der „Welt“), Rafael Seligmann, schreibt in seinem Leitartikel (in der Ausgabe: Juli 2017) über

„Helmut Kohl und die Juden“.

Da heißt es: „.. der Katholik und Historiker Helmut Kohl verstand die Geschichte besser als all seine Vorgänger. Er wusste nicht nur, dass es nie mehr einen europäischen Krieg geben durfte. Und dass es jeder materielle Einsatz und jeder politische Kompromiss wert waren, die Völkerverständigung in Europa und anderswo zu fördern. Als deutscher Patriot mit einem stetigen Sinn  für die Geschichte wusste Helmut Kohl darüber hinaus, dass die Juden mehr waren als die Opfer der Nazis und der sie tragenden deutschen Nation. Die Juden waren Mit-Menschen und hierzulande waren sie Deutsche. Das konnte man in der Pfalz besonders gut erfahren – wenn man wollte. Und Helmut Kohl wollte. Ihm war bekannt, dass Juden spätestens seit dem vierten Jahrhundert in den Ortschaften und Städten am Rhein siedelten. Dass die Hebräer Teil der Gesellschaft waren. Jahrhunderte, ehe das deutsche Reich entstand. In den Städten Südwestdeutschlands blühten die ersten größeren jüdischen Gemeinden dieses Landes auf. Speyer, Worms, Mainz waren nach dem hebräischen Akronym „SchUM“, die „Knoblauch“-Städte. Christen und Juden lebten in Frieden ohne Mauern miteinander. Solange, bis die Kreuzfahrer und der menschliche Abschaum die Juden erschlugen oder vertrieben, ihr Eigentum raubten und die hebräischen Gemeinschaften auslöschten.

Die im Frühjahr 1990 gewählte DDR-Regierung unter Führung von Lothar de Maizière lud ausreisewillige sowjetische Juden ein, in Ostdeutschland eine neue Heimat zu finden. Als im Oktober Deutschland wiedervereinigt wurde, hätten die Innenminister der Länder und des Bundes diese Zuwanderungsmöglichkeit gerne aufgehoben. Israel lieferte ihnen das perfekte Alibi. Nach Jerusalems Definition existieren keine jüdischen Flüchtlinge, da alle Juden in Israel willkommen sind.

Helmut Kohl ließ sich nicht darauf ein. Er setzte durch, dass den Juden aus dem Osten weiterhin die Zuwanderung nach Deutschland offen stand. Es kamen etwa 200 000 Menschen. Die Hälfte von ihnen blieb in den jüdischen Gemeinden. Sie bilden heute die Masse der Juden in Deutschland. Für dieses Verdienst sollte Helmut Kohl von Juden und Deutschen gleichermaßen geehrt werden.“

Rafael Seligmanns neuer Roman „Deutsch Meschugge“ Transit Verlag 2017, 288 Seiten, 24 Euro, erscheint gerade.

 

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