Über unsere beiden größten Lyriker des 20. Jahrhunderts, Bertolt Brecht (1898-1956) und Gottfried Benn (1886-1956), sind wir relativ gut informiert. Auch weil sie selber auskunftsfreudig waren. Von Benn allein steht in meiner Bibliothek Literatur von Thilo Koch, Dieter Wellershoff, Bruno Hillebrand, Hanspeter Brode, Gottfried Wilhelms, Jörg Döring/Erhard Schütz, Paul Raabe, Kai-Uwe Scholz, Hansjörg Rehfeldt. Werner Rübe, Jürgen P. Wallmann, Jürgen Schröder, Joachim Dyck und Helmut Lethen. Außerdem die Benn-Briefwechsel mit F.W. Oelze und Thea Sternheim. Ich fühle mich also gut informiert. Was soll mir da ein neues Buch über Benn bringen?
Wolfgang Martynkewicz: Tanz auf dem Pulverfass. Gottfried Benn, die Frauen und die Macht. Berlin (Aufbau) 2017, 407 Seiten.
Martynkewicz ist Literaturwissenschaftler in Bamberg und Bayreuth und freier Autor. Und weil ich mich für die Frauen Benns („Gute Regie ist besser als Treue.“) interessiere, habe ich das Buch gelesen. Hier bin ich enttäuscht; denn ich habe nichts Neues erfahren. Zudem werden einige von Benns Frauen stiefmütterlich behandelt: Edith Osterloh, Astrid Claes und Ursula Ziebarth etwa. Anderes ist überall bekannt. Mit Thea und Dorothea (Mopsa) Sternheim soll es eine Ménage à trois geben haben. Na ja, na ja. In den Betten, nichts Neues.
Was Martynkewicz schärfer herausarbeitet als manche Autoren vor ihm, ist die schlimme Tatsache, dass Benn, der aus dem Expressionismus kam (und ihm prinzipiell lebenslang anhing) politisch Zeit seines Lebens ein ungebildeter und verirrter Autor war. Er hatte seine größte Zeit als Sanitätsoffizier im Ersten Weltkrieg in Brüssel. „Ich lebte in der Etappe einen guten Tag, war lange in Brüssel, wo Sternheim, Flake, Einstein, Hausenstein ihre Tage verbrachten. … Ich war Arzt an einem Prostituiertenkrankenhaus, ein ganz isolierter Posten, … hatte wenig Dienst, durfte in Zivil gehen, war mit nichts behaftet, hing an keinem, verstand die Sprache kaum; strich durch die Straßen, fremdes Volk …, was war die Kanonade von Yser, ohne die kein Tag verging, das Leben schwang in einer Sphäre von Schweigen und Verlorenheit, ich lebte am Rande, wo das Dasein fällt und das Ich beginnt. Ich denke oft an diese Wochen zurück; sie waren das Leben, sie werden nicht wiederkommen, alles andere war Bruch.“ (S. 97)
Benn lehnte die Weimarer Republik ab und sagte zu Hitler laut und deutlich ja. Das begann weit vor 1933 und endete erst mit seinem Tod 1956. Er ist nicht die einzige literarische Größe, die sich politisch verfehlt hat. Klaus Mann hat dazu das Erforderliche schon 1934 gesagt. Trotzdem oder gerade deswegen machte Benn nach 1945 eine steile literarische Karriere. Aus dieser Zeit stammen seine schönsten Gedichte. Z.B. „Epilog 1949“ (1949), das z. B. die folgende Strophe enthält:
„Das du dir trugst, dies Bild, halb Wahn, halb Wende,/das trägt sich selbst, du musst nicht bange sein/und Schmetterlinge, März bis Sommerende,/das wird noch lange sein.“