Es versteht sich nahezu von selbst, dass 2017, dem Jahr des Reformationsjubiläums, viele Versuche unternommen werden, Martin Luther (1483-1546) zu dekonstruieren. Das ist in der Wissenschaft so üblich. Ebenso im Journalismus, der auf diese Weise Spannung erzeugt. Und war Luther nicht de facto ein dicker, antisemitischer Grobian und Propagandist? Da ist was Wahres dran.
Was Luther aber auch war, und dies ist schwer zu leugnen: Er war ein mächtiger und genialer Sprachschöpfer, dem es mit der Bibelübersetzung letztlich gelang, eine in ganz Deutschland verbindliche und verständliche Sprache zu schaffen.
Viele Wörter und Redewendungen gehen direkt auf ihn zurück, wie Christian Feldmann in einem sehr überzeugenden Aufsatz in der FAS (4.6.17) darlegt: Luther liebte u.a Alliterationen wie Schmach und Schande, Leib und Leben, fressendes Feuer.
Auf ihn gehen zurück: Nächstenliebe, Herzenslust, Ebenbild, Morgenland, Feuertaufe, Judaslohn, Bluthund, Machtwort, Schandfleck, Lückenbüßer, Lockvogel, Lästermaul, Gewissensbisse, wetterwendisch, kleingläubig, friedfertig, lichterloh, auf eigene Faust, für immer und ewig, sein Licht nicht unter den Scheffel stellen.
Er verwandte Metaphern wie ein Herz und eine Seele, der große Unbekannte, ein Buch mit sieben Siegeln, die Zähne zusammenbeißen, im Dunkeln tappen, auf Sand bauen. Von Luther stammen: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, Hochmut kommt vor dem Fall, Recht muss Recht bleiben, Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.
Luther fing nicht bei Null an und war nicht der erste auf seinem Feld, aber der wirkungsvollste, einflussreichste, talentierteste und originellste. Und er konnte seine Fähigkeit am wichtigsten Buch der Zeit zeigen, der Bibel. So schuf er eine überregionale, allgemein verständliche Sprache. Früher hatte man sich mit Latein beholfen. Aber das sprach nur eine dünne hochgebildete Schicht. Bei der Verbreitung von Luthers Arbeit kamen ihm
der Buchdruck
und
die Ausweitung der Warenproduktion und des Handels
zur Hilfe. Was würde heute wohl Donald Trump dazu sagen?
Luther stützte sich auf die sächsische Kanzleisprache. Am ehesten beförderten die Siedlungsbewegungen im Raum um Erfurt, Meißen und Leipzig die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache. Die sprachgeografische Mittellage kam Luther zur Hilfe. Das mittlere Deutschland hatte eine Brückenfunktion, von Kiel oder Konstanz aus hätte sich der Reformator eher schwergetan.
Martin Luther schaute dem Volk auf’s Maul: „Man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll Deutsch reden, wie diese Esel tun, sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt darum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.“
Luther hat treffsichere und klangschöne Dialektausdrücke literaturfähig gemacht, Wörter wie Lippe, Blüte, Pforte, Strom, klug und bunt. Der Begriff Arbeit bekam bei ihm eine ganz neue Bedeutung. Zu schweigen von Gerechtigkeit, Sünde und Buße. Fortan konnte jeder Laie, der des Lesens mächtig war, alleine Gottes Wort interpretieren. Luther hat das Deutungsmonopol des Klerus gebrochen.
Der 23. Psalm beginnt so: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue. Und führet mich zum frischen Wasser.“
Die Lutherbibel ist das Buch der deutschen Nation geworden und geblieben. Was für ein großes Glück!