Der alte Berliner Westen (Kaiserzeit, Weimarer Republik) („Berlin W“) rund um den Kurfürstendamm und seine Seitenstraßen rechts und links war Feindbild. Für die Nazis und ihre vielen provinziellen Sympathisanten. Denn wer Internationalität ablehnte, Avantgardekunst verabscheute wie Kaffeehausliteraten, wer Jazz und Revue missbilligte, wer Juden hasste, der fand all dies in Berlin W. Am 12. September 1931 marschierten SA-Leute in Gruppen zum ersten Mal durch dies Viertel und skandierten Parolen wie „Schlagt die Juden tot.“. Als Vorübung für die Pogrome des 9. November 1938. Was wir an den danach ins Exil Getriebenen verloren haben, ist bei vielen von uns noch nicht ins Bewusstsein gedrungen. Aber wir könnten uns daran erinnern.
2011 appellierte die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel für ein „Museum des Exils“, „um sich über die Verluste durch die Vertreibung von Künstlern und auch von Wissenschaftlern klar zu werden. Einen Ort, der die oft fürchterlichen Lebensumstände derjenigen zeigt, die kurz zuvor noch Elite dieses Landes waren, das kulturelle Leben in Deutschland prägten.“
Es geht dabei nicht allgemein um das Thema Flucht, Migration und Vertreibung, sondern um die, die vor den Nazis flohen. Der Stoff ihrer Exilorte zwischen Los Angeles und Moskau ist reichhaltig. Dafür nur drei Beispiele: 1. Die Arbeit der exilierten Atomphysiker für die Atombombe ist bekannt. 2. Der „Vater der Pille“, Carl Djerassi, war nach dem „Anschluss Österreichs“ geflohen. 3. Der 1938 enteignete Architekt Victor Gruen wurde im Exil zum Erfinder der „Shopping Mall“. Wir können auch an die Remigranten denken: Willy Brandt, Walter Ulbricht, Arnold Schönberg, Hanns Eisler, Fritz Bauer und viele andere (Jens Bisky, SZ 23.5.17).