Unter August Bebel (1840-1913) war die SPD stets geschlossen. Am Beginn des Ersten Weltkriegs bildete sie die größte Fraktion im Reichstag, allerdings in der Opposition. Dann wurde der Druck auf die Partei so groß, dass sie am 4. August 1914 für die Kriegskredite stimmte. Eigentlich war die SPD von Anfang an eine Friedenspartei. Durch die Kriegskredite aber wurden die Friedenskräfte wieder geweckt, auch wenn
Hugo Haase,
eine treibende Kraft der Kriegsgegner, die zustimmende Rede im Reichstag halten musste.
Siegfried Jacobsohns „Weltbühne“ schrieb über Hugo Haase: „Ein kleiner, unscheinbarer Mensch. Einer, der, mit gebeugtem Rücken, nach einer harten Jugend und sehr viel Arbeit aussah … Ein kluger Kopf, ein Mann von zwingender Logik und mühselig erarbeitetem großen Wissen. Und ein Mensch, der über alle bitteren Nadelstiche des Lebens ein fühlendes Herz im Leibe behalten hatte. … Sein Radikalismus imponiert.“
1916 hielt Haase eine ganz andere Rede im Reichstag. Er geißelte diejenigen, die „als Ziel des Krieges die Ausdehnung unserer Weltmacht, die Erringung der Weltherrschaft“ anstrebten. „Man sollte annehmen, dass nur komplette Narren oder gewissenlose Verbrecher solche Pläne verfolgen.“ Die Rede endete in Tumulten. SPD-Chef Friedrich Ebert nannte Haase einen „schamlosen Kerl“ und „frechen Halunken“.
Am 6. und 7. August 1917 wurde die Anti-Kriegspartei USPD in Gotha gegründet, der Stadt des großen Parteitags von 1875. Führende Politiker dabei neben Hugo Haase waren Wilhelm Dittmann, Emil Barth und Georg Ledebour. Linke Demokraten und fortschrittliche Sozialpolitiker. Die Gutmenschen von 1917. Am Ende des Jahres hatte die Partei bereits über 100 000 Mitglieder. Während der „Revolution“ Ende 1918 bildet die USPD gemeinsam mit der SPD den „Rat der Volksbeauftragten“. Nur kurz; denn die SPD setzt wegen ihrer Angst vor einem bolschewistischen Umsturz fatalerweise auf das Militär. 1922 war die USPD bereits wieder am Ende. Zerrieben zwischen SPD und KPD, die Ende 1918 gegründet worden war.
Sie stand noch links von der USPD. Auch sie trat entschieden für den Frieden ein und hatte unter Soldaten und Matrosen (u.a. in Kiel) sehr viele Anhänger. Die Linke war endgültig gespalten und konnte, unvorbereitet, wie sie war, der militärischen Repression der Reichswehr nicht standhalten. Die „Revolution“ wurde niedergeschlagen.
Eine Scheinrechtfertigung für ihre Haltung entnahm die SPD der baldigen Wandlung der KPD zu einer stalinistischen Kaderpartei nach dem Tode Lenins 1924. Die KPD-Führung um Ruth Fischer wurde entmachtet. Die Gruppe um Ernst Thälmann (1944 im KZ Buchenwald durch Genickschuss ermordet) übernahm das Ruder. Sie proklamierte Ende der zwanziger Jahre die gänzlich falsche These vom „Sozialfaschismus“, wonach die Sozialdemokraten und nicht die Nazis die Hauptgegner der Kommunisten waren. Der Marxismus-Leninismus der KPD und ihrer Schwesterparteien (unter Führung der KPdSU) hat bis 1990 den „real existierenden Sozialismus“ diskreditiert (Joachim Käppner, SZ 1./2.4.17).