Martin Scorsese ist einer der größten zeitgenössischen Filmemacher („Hexenkessel“, „Taxi Driver“, „Wie ein wilder Stier“, „Goodfellas“, „Gangs of New York“, „The Wolf of Wall Street“, „Departed“ und andere). Für „Departed“ hat Scorsese den Regie-Oscar erhalten. Er ist 75 Jahre alt und zum fünften Mal verheiratet, er hat drei Töchter. Seit ich 1976 seinen Film „Hexenkessel“ („Mean Streets“) mit
Robert de Niro
und
Harvey Keitel
gesehen habe, bin ich Fan von ihm. Seinerzeit war ich in einer Nachmittagsvorstellung in Göttingen der einzige Zuschauer. Da kam ich mir schon wichtig vor. Martin Scorsese ist seinem New Yorker Stadtteil „Little Italy“ stets treu geblieben. Sascha Chaimowicz hat ihn für das „Zeit“-Magazin (16.3.17) interviewt.
„Zeit“-Magazin: Waren Sie ein stilles Kind?
Scorsese: In der Familie waren wir alle große Geschichtenerzähler. Der Humor kam damals aus dem jüdischen Viertel, das nicht weit entfernt war. Die beiden Kulturen, die italienische und die jüdische, mischten sich. Es war auch für das gesamte Leben dort wichtig, sich gut ausdrücken zu können. Familienangelegenheiten wurden immer in großen Zusammenkünften geregelt. Gab es ein Problem, besuchte man in einer Art Delegation die Großeltern ein paar Häuser weiter und sprach vor.
…
„Zeit“-Magazin: Haben Sie als Kind gelesen?
Scorsese: Meine Eltern waren untere Arbeiterklasse, sie sind nicht zur Schule gegangen, es gab keine Bücher bei uns zu Hause. Das einzige, was meine Eltern mir mir machen konnten, war, ins Kino zu gehen.
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„Zeit“-Magazin: Sie drehen seit jeher Männerfilme.
Scorsese: Ich bin sehr geprägt davon, was ich in meiner Kindheit und Jugend erlebt habe. Und ich komme eben aus einer Welt, die sich sehr an Männern orientiert hat. Nichtsdestotrotz gab es aber auch starke Frauen. Nehmen wir die Beziehung meiner Eltern: Mein Vater war altmodisch und oft auch streng, meine Mutter dagegen hatte einen ausgeprägten Sinn für Humor. Sie hat oft ausgeglichen, wenn es in der Familie Spannungen oder Streit gab. Die beiden waren 60 Jahre lang verheiratet, als mein Vater starb. Ihre Beziehung spiegelte die Welt, in der wir lebten: die strikte Seite der Männer und die oft mitfühlende Seite der Frauen. Oder zumindest sprach das Feminine das Mitgefühl der Männer an. Ich habe Jahre gebraucht, um diese Zusammenhänge zu verstehen.