Bis 2000 galt: Deutscher war, wer einen deutschen Elternteil hatte. Dann wurden Kinder automatisch zu deutschen Staatsbürgern, wenn die Eltern mindestens acht Jahre und mit unbegrenztem Aufenthaltsstatus im Lande lebten. Die Kinder mussten sich spätestens mit 23 Jahren für eine Staatsbürgerschaft entscheiden. 2014 fiel auf Betreiben der SPD diese Optionspflicht weg. In der Union blieb die Zahl der Gegner groß. Im Dezember 2016 sprach sich der CDU-Parteitag gegen den Doppelpass aus.
Die Befürworter des Doppelpasses sehen in ihm die Grundlage der Integration. Außerdem kann man leichter in der Türkei Besitz haben oder erben. Die Gegner des Doppelpasses befürchten Loyalitätskonflikte. Wie der Fall des inhaftierten Journalisten Deniz Yücel („Die Welt“) zeigt, betrachtet die Türkei Yücel, der die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt, als Türken. Der Doppelpass hilft ihm also nicht.
Schätzungsweise 500 000 Türkischstämmige haben den Doppelpass. Viele wissen das aber gar nicht. Anscheinend interessiert sich nur eine Minderheit dafür. Vor allem Angehörige der zweiten oder dritten Einwanderergeneration haben einen Doppelpass. Sie sind im Durchschnitt besser ausgebildet und versprechen sich davon auch berufliche Vorteile.
Interessant ist das Wahlverhalten der Deutschtürken. Zwischen 40 und 60 Prozent votieren regelmäßig für die SPD. So dürften im April 2017 manche Doppelpass-Inhaber
für Erdogan
stimmen, um im September 2017 Martin Schulz zu wählen.
Männliche Doppelpass-Inhaber sind nach der Abschaffung der Wehrpflicht in Deutschland verpflichtet, sechs oder zwölf Monate in der Türkei Wehrdienst zu leisten oder sich für 6 000 Euro freizukaufen.
Die Zahl der Einbürgerungen in Deutschland geht zurück. 2003 wurden mehr als 56 ooo Türken Deutsche, 2015 nicht einmal mehr 20 000. Heute würden sich viele Deutschtürken wahrscheinlich für die Türkei entscheiden. Die Abschaffung des Doppelpasses könnte aber auch die Loyalität der Deutschtürken zu Deutschland verringern. Nach dem Motto: Die wollen uns sowieso nicht (Matthias Drobinski, SZ 14.3.17).
Mein Fazit: Der Doppelpass lohnt sich für Deutschland nicht, er schafft eher Loyalitätskonflikte. Schaffen wir ihn getrost wieder ab. Die Deutschtürken, die hier leben, sich aber in erster Linie der Türkei verpflichtet fühlen, sind mir suspekt.