1380: Peter Suhrkamps Rolle bei der „Arisierung“ des S. Fischer Verlags

Über die „Arisierung“ des S. Fischer Verlags und über den Verleger Gottfried Bermann Fischer existieren ausnahmsweise fast vollständige Akten. Der Direktor der Stadtbibliothek Duisburg Jan-Pieter Barbian hat sie ausgewertet (SZ 18.10.16). Darin wird die Rolle Peter Suhrkamps geklärt, des wichtigsten Mitarbeiters Bermann Fischers und späteren Begründers des Suhrkamp Verlags.

Die Nazis hatten von Anfang an vor, Juden aus den deutschen Verlagen und aus dem Buchhandel zu vertreiben. Am 10. Mai 1933 wurden im Rahmen der „Aktion wider den undeutschen Geist“ öffentlich Bücher verbrannt. In Göttingen auf dem Albaniplatz, wo eine Plakette daran erinnert. Im Juli 1933 existierte eine schwarze Liste der Nazis mit 24 Schriftstellernamen und 64 Büchern. 1935 führte die Reichsschrifttumskammer eine „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ ein. Von 19 Autoren waren sämtliche Schriften verboten. Darunter

Alfred Döblin, Klaus Mann, Arthur Schnitzler, Jakob Wassermann, Carl Zuckmayer und Stefan Zweig.

1936 gelang Bermann Fischer die Übersiedlung des S. Fischer Verlags nach Wien, von wo die Flucht 1938 weiterging. Die Nazis hatten ihm das Versprechen abgepresst, das in Berlin verbliebene Lager und die Bücher „in arische Hände“ zu überführen. Sein engster Mitarbeiter Peter Suhrkamp „übernahm“ 1936 den Verlag. Er war 1932 von der „Neuen Rundschau“ zu Fischer gekommen. Die Witwe des Verlagsgründers Samuel Fischer, Hedwig, übertrug Suhrkamp das Stimmrecht ihrer Aktien. Suhrkamp rückte in den Vorstand ein. Er hatte die alleinige Geschäftsführung.

1938 wurde die Verlags AG in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt. Suhrkamp wurde persönlich haftender Gesellschafter mit einer Einlage von 50 000 Reichsmark, die aus dem Depot seiner vierten Frau, Annemarie Seidel, stammte, einer Schwester der Dichterin Ina Seidel. Peter Suhrkamp hatte z.T. sehr gute persönliche Beziehungen zu Nazis. So etwa zu dem Leiter der Schrifttumsabteilung im Reichspropagandaministerium Heinz Wissmann. Ihn kannte er von der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, die der Volksschullehrer Suhrkamp von 1928 bis 1930 geleitet hatte. Über die Vorgänge bei S. Fischer war der Präsident der Reichsschrifttumskammer Hans Johst bestens informiert. Ihn hatte Suhrkamp Anfang der zwanziger Jahre noch als hoffnungsvollen expressionistischen Dichter kennengelernt.

Der Verlag wurde 1942 in „Suhrkamp Verlag vormals S. Fischer“ umbenannt. 1943 löschten die Nazis den Namen des Verlagsgründers. 1944 wurde die „Neue Rundschau“ eingestellt. Zu dieser Zeit befand sich Peter Suhrkamp bereits auf Grund einer politischen Denunziation in Haft. Am 14. April kam er ins Konzentrationslager Ravensbrück, von Oktober 1944 bis Februar 1945 saß er im Gestapo-Gefängnis Lehrter Straße. Dabei wurde seine Gesundheit zerrüttet. Nach 1945 konnten Peter Suhrkamp und Gottfried Bermann Fischer ihre einstmals so vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht fortsetzen. In einem mühevollen und bitteren Prozess kam es 1949 zu einer Teilung in S. Fischer und Suhrkamp. Beide Verlage haben mittlerweile eine sehr wechselvolle und vielfach politisch hoch umstrittene Entwicklung genommen.

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