1371: Jonathan Franzen über US-Wahlen

Seit „Korrekturen“ (2001) ist Jonathan Franzen für mich einer der größten zeitgenössischen Schriftsteller. Seine Schilderung der US-Mittelschicht trifft den Nagel auf den Kopf. Franzen hat u.a. in Deutschland studiert und gelebt und kennt unser Land sehr gut. 2013 erhielt er den „Welt“-Literaturpreis. Auch wenn ich nicht der Meinung bin, dass Schriftsteller politisch stets urteilsfähiger sind als andere Menschen. Aber sie publizieren, sind also öffentlich wahrnehmbar.

Franzen zeigt sich gegenüber der „Welt“ (5.11.16) „krank vor Sorge, dass Trump irgenwie einen Weg findet, die Wahl zu gewinnen“. Bei einem Clinton-Sieg rechnet Jonathan Franzen damit, dass sich die neue Präsidentin dann „mit bewaffneten Aufständen von Gruppen“ auseinandersetzen muss, welche die Rechtmäßigkeit ihrer Wahl bestreiten.

Zentral ist Jonathan Franzens Wahrnehmung Donald Trumps: „Das

Phänomen Trump

ist undenkbar ohne das Internet und die sozialen Medien. Das Internet hat eine Welt geschaffen, in der es möglich ist, in seiner eigenen virtuellen Realität zu leben, mit ihrem eigenen inwendig konsistenten Gerüst von

‚Fakten‘,

ohne sich je mit der altmodischen Realität auseinandersetzen zu müssen.

Intelligente, gut informierte Menschen

machen die Lügen, die Trump fortwährend erzählt, krank, aber für seine Unterstützer sind seine Lügen nicht einmal Lügen: Sie stimmen vollkommen mit der Onlinerealität, in der sie leben, überein. Und Twitter verstärkt das, weil Nuancierung und Komplexität auf Twitter unmöglich sind.“ (Literarische Welt 5.11.16)

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