1350: Judith Butler über Hannah Arendt

Gregor Quack (FAS 16.10.16) hat Judith Butler zu ihrem, neuen Buch

„Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung.“ Berlin (Suhrkamp), 312 S., 28 Euro,

interviewt. Darin setzt sich Butler nicht zuletzt mit Hannah Arendt auseinander:

„Ein großer Teil des Buches ist eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Demokratiebegriff bei Hannah Arendt. … Die Beobachtungen von Versammlungen will ich nutzen, um darüber nachzudenklen, wie wir heute über Demokratie denken und welche Rolle der Körper in einem demokratischen Prozess spielt. Ich beschäftige mich schon seit einiger Zeit mit Arendt und bin der Meinung, dass viele ihrer Ideen für unser gegenwärtiges Demokratieverständnis absolut unabdingbar sind. Gleichzeitig finde ich aber auch, dass sie in vielen Ihrer Schriften, und vor allem in ‚Vita activa‘, unser körperliches und politische Leben zu scharf voneinander trennt. Für Arendt ist Politik etwas, das wir debattieren, etwas, das auf rein sprachlicher Ebene stattfindet. Ich hingegen bin der Meinung, dass auch körperliche Bewegungen und Gesten Forderungen artikulieren können. Ich versuche mit meinem Buch, unserem Arendtschen Demokratieverständnis den Körper zurückzugeben. Vor allem, wenn sie in einer großen Gruppe stattfinden, können solche körperlichen Aktionen auf sehr effektive Art Demokratie einfordern.

Hannah Arendt hat 1943 in ihrem Artikel ‚Wir Flüchtlinge‘ versucht, ein anderes Verständnis von Zusammengehörigkeit zu entwickeln als das von Gemeinschaft auf der Basis gemeinsamer Sprache, Religion oder Nation. Flüchtlinge werden solche Einheiten immer wieder durcheinanderbringen. Doch anstatt sie anzugreifen, sind wir gefordert, darüber nachzudenken, wer zu unserem ‚Wir‘ dazugehört.“

 

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