Der 1922 geborene Karl Dietrich Bracher war der Nestor der zeithistorisch orientierten Politikwissenschaft in Deutschland nach 1945. Unaufgeregt, zielbewusst und beharrlich arbeitete an der Reetablierung einer Wissenschaft, die sehr schlechte Zeiten erlebt hatte. Brachers Habilitationsschrift
„Die Auflösung der Weimarer Republik“
ist ein Standardwerk bis heute. Darin wird herausgearbeitet, dass die Weimarer Republik an ihrer Halbherzigkeit und den Rückständen des wilhelminischen Obrigkeitsstaats zerbrochen ist. Weitere große Bücher folgten wie „Die nationalsozialistische Machtergreifung“. Bracher fühlte sich dem Widerstand gegen Hitler verpflichtet und war insofern unser Vorbild.
In der Nachfolge von Hannah Arendt und Carl J. Friedrich gehörte Karl Dietrich Bracher zu den international renommiertesten Vertretern der
Totalitarismustheorie,
welche die Wesensähnlichkeit faschistischer, nationalsozialistischer und kommunistischer Diktaturen betont. Problematisch erschien ihm Ernst Noltes „Faschismus“-Begriff. Ich habe dann in meinem Studium in Göttingen erlebt, dass die Totalitaristheorie geächtet war und man sie in Lehrveranstaltungen kaum kennenlernen konnte. Wir waren auf das Eigenstudium von Arendt, Bracher et alii angewiesen. Um so mehr lernten wir Karl Dietrich Bracher schätzen, der im September gestorben ist (Andreas Wirsching, Die Zeit 29.9.16).