1321: Wie die Wörter zur Welt kamen.

Eine neue Studie der Max-Planck-Gesellschaft stellt das seit hundert Jahren gültige sprachwissenschaftliche

Prinzip der Arbitrarität sprachlicher Zeichen

in Frage. Es besagt, dass es zwischen Lautbild eines Wortes und seiner Bedeutung keine natürliche Verbindung gibt.

Die Wissenschaftler haben nun durch einen Vergleich von 4.000 Sprachen herausgefunden, dass es möglicherweise doch im menschlichen Hirn eine Neigung gibt, bestimmten Vorstellungsinhalten bestimmte Laute zuzuordnen. So sei es wohl kein Zufall, dass ‚N’ase mit N beginne.

4.000 Sprachen sind zwei Drittel der geschätzten 6.000 Sprachen, die auf der Welt gesprochen werden. „Das ist praktisch alles, was als Datensatz zugänglich ist“, erläutert einer der Wissenschaftler, der Leipziger Professor für Mathematik, Peter F. Stadler. In den 4.000 Sprachen verglichen die Wissenschaftler die Lautung der Wörter mit der Bedeutung:

Blut, Knochen, Brust, kommen, sterben, Hund, trinken, Ohr, Auge, Feuer, Fisch, voll, Hand, hören, Horn, ich, Knie, Blatt, Leber, Laus, Berg, Name, neu, Nacht, Nase, eins, Pfad, Person, sehen, Haut, Stern, Stein, Sonne, Zunge, Zahn, Baum, zwei, Wasser, wir und du.

Bei den genannten Begriffen prüften die Max-Planck-Forscher, ob diese häufiger oder seltener mit bestimmten Lauten belegt werden, als es der Zufall erlaubt. Dazu verwendeten sie Werkzeuge der Bioinformatik. Gewöhnlich werden sie verwendet, um genetische Verwandtschaften in der Biologie aufzudecken.

Die Forscher ermittelten zahlreiche Zusammenhänge in Sprachen, die nicht miteinander verwandt sind: So treten in den Wörtern für das Knie häufig die Buchstaben O, U, P, K und Q auf, Sand kommt weltweit oft mit einem A, ein Stein mit einem T.

„Unsere Analyse zufolge werden bestimmte Laute bei einem großen Teil aller Begriffe über Kontinente und Sprachfamilien hinweg bevorzugt oder vermieden, und zwar von Menschen, die kulturell, historisch und geografisch sehr verschieden sind. … Das Ergebnis ist gerade in Anbetracht der enormen Variationsmöglichkeiten in den weltweiten Sprachen erstaunlich.“

Das Prinzip der Arbitrarität hatte der Begründer der modernen Sprachwissenschaft formuliert, der Schweizer

Ferdinand de Saussure (1857-1913).

Das seinerzeit neue Dogma widersprach dem jahrhundertealten Dilettantismus von Poeten und Grammatikern, die glaubten, am Anfang müsse jede Wortlautung natürlich motiviert gewesen sein. Noch Richard Wagner (1813-1883) begründete seine Stabreime damit, dass etwa der Laut L in den Wörtern ‚L’ust und ‚L’iebe einen Zusammenhang mit der Erotik habe.

De Saussure Buch „Grundlagen der allgemeinen Sprachwissenschaft“ ist eines der wichtigsten Bücher des 20. Jahrhunderts. Vergleichbar mit Sigmund Freuds (1856-1939) „Traumdeutung“. Auf de Saussures Lehren gehen so wichtige Fächer und Methoden zurück wie

der Strukturalismus und

die Semiotik.

In der Sprachwissenschaft haben seine Lehren Gesetzescharakter.

Doch diese Dogmen werden nicht zum ersten Mal in Frage gestellt. So haben Linguisten schon lange bemerkt, dass in sehr vielen Sprachen ein M in den Wörtern für Mutter und Brust vorkommt. Bekannt ist der

Bouba-Kiki-Effekt.

Er besagt, dass dann, wenn man eine Elefanten und einen Vogel zeigt und fragt, welches Tier wohl Bouba und welches Kiki heiße, die Antwort fast immer heißt: Bouba für den Elefanten und Kiki für den Vogel.

Die Lautähnlichkeit zwischen so auffällig vielen Wörtern besteht nun aber auch nach der neuen Studie nicht, weil sich alle untersuchten Sprachen aus einer gemeinsamen Ursprache entwickelt haben. Die Idee einer Ursprache, die zunächst von allen Menschen gesprochen wurde, liegt dem Mythos vom

Turmbau zu Babel

zugrunde. „Wir sehen, dass die Zuordnung von Lauten zu Konzepten auch erhalten bleibt, wenn wir Sprachen aus verschiedenen Sprachfamilien ohne nachweisbare Ähnlichkeiten betrachten.“ (Matthias Heine, Die Welt 17.9.16)

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