David Cay Johnston, 68, ist Wirtschaftsjournalist und Bestsellerautor. Er hat den Pulitzerpreis gewonnen und beschäftigt sich seit fast dreißig Jahren mit Donald Trump. Soeben ist in Deutschland sein Buch
„Die Akte Trump“
erschienen. Hubert Wetzel hat Johnston für die SZ interviewt (15.9.16).
SZ: Manche Kritiker werfen ihm vor, politisch eine Art Prinz der Finsternis zu sein, ein Demagoge, der düstere Pläne hegt wie einst Mussolini oder gar Hitler. Stimmt der Vergleich?
Johnston: Das sehe ich nicht so. Hitler und Musspolini hatten große Visionen, was sie tun würden, sobald sie an der Macht wären. Donald hat keine solchen Visionen. Er glaubt, er müsse Präsident werden, aber es ist ziemlich klar, dass er weder die Pflichten noch die Macht noch die Grenzen versteht, welche die Verfassung dem Amt des Präsidenten zuschreibt. Er denkt, der Präsident sei ein Diktator. Er selbst hat gesagt, er sei an den meisten Pflichten des Präsidenten gar nicht interessiert und werde sie jemand anderem übertragen. Zudem sind seine politischen Aussagen äußerst widersprüchlich – er wettert gegen illegale Immigration, aber er hat immer illegale Einwanderer beschäftigt. Und er weiß nichts über die Welt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er zum Beispiel die Krim auf einer Landkarte nicht finden würde.
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SZ: Trotz dieser persönlichen und politischen Defizite beten viele Menschen Trump geradezu an. Warum?
Johnston: Ich finde das auch seltsam. Es gibt drei Gruppen von Menschen, die sich zu Donald hingezogen fühlen.
Erstens: die abgehängte untere Mittelschicht.
Das sind Leute, welche die Erfahrung machen: Sie arbeiten mehr, aber sie verdienen weniger Geld. Die Menschen haben völlig zu Recht enorme Angst. Sie haben Angst, ihre Jobs zu verlieren, sie haben keine Ersparnisse und es gibt kein soziales Netz. Donald bietet diesen Leuten eine einfache Lösung an: Euch geht es schlecht, weil Barack Obama ein Idiot ist. Die mexikanischen Vergewaltiger und Mörder stehlen eure Jobs, die Chinesen stehlen eure Jobs. Die Muslime machen Probleme. Das sind einfache demagogische Antworten.
Die zweite Gruppe von Leuten, die Trump mögen, sind
Rassisten.
Deren Stimmen versucht er zu ergattern, das ist gar keine Frage. Die dritte Gruppe sind
evangelikale Christen.
Dabei ist seine persönliche Philosophie – Räche dich! Zahle es deinem Gegner heim! – alles andere als christlich. Er sagt: Niemand liest mehr in der Bibel als Donald Trump. Aber wenn man ihn dann bittet, einen Vers daraus zu zitieren, sagt er: Oh, es gibt so viele. So arbeiten Trickbetrüger.
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SZ: Was sagt Trumps Erfolg dann über Politik in Amerika und über die amerikanische Gesellschaft aus?
Johnston: Amerikas Demokratie hat ein gewaltiges Problem. Ich habe mit Kellnern und Taxifahren in München gehaltvollere Gespräche über Politik geführt als mit Amerikanern in der ersten Klasse eines Inlandflugs. Wenn sich in Deutschland ein Mitglied der Christdemokraten so äußern würde wie Donald Trump, würde die Partei ihn bei der nächsten Gelegenheit von der Wahlliste entfernen. Aber wir haben in Amerika keine starken Parteien. Und das hat Donald Trump ausgenutzt.
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