1294: Die weißen Unterschichten-Männer schlagen zurück.

Der Journalist

Alan Posener (Die Welt)

argumentiert häufig riskant. Er geht neue Wege, ist in seinem Diskurs nicht immer stringent (man kann ihm dann nicht zustimmen), verweist aber häufig auf Neues, Weiterführendes. So auch in seinem Beitrag zum Wahlverhalten in den westlichen  Demokratien (23.7.16).

Posener stützt sich auf den Roman des britischen Soziologen Michael Dunlop Young von vor über 50 Jahren mit dem Titel „The Rise of Meritocracy“. Dort wird die These vertreten, dass in unserer Zeit tatsächlich häufig die Qualifiziertesten (Intelligenz, Kompetenz) an die Spitze gelangten (=Meritokratie), die Abgehängten hätten keine Chance mehr.

„Den Abgehängten freilich bliebe eine Waffe gegen die Leistungsträger:

die Demokratie.

Unsere meritokratische Gesellschaft, so Young, ist die erste, die dank der allgemeinen Schulpflicht jedem Einzelnen vor Augen führt, wo er in der Hierarchie des Könnens und Leistens steht. Wer trotz ‚Kuschelpädagogik‘ und Förderprogrammen das Klassenziel verfehlt, bekommt als Kind und Jugendlicher tagtäglich bescheinigt, dass sein Platz unten ist. Nicht weil er kein Aristokrat ist oder Bourgeois. Nicht weil sein Dialekt und sein Geschlecht, seine Religion oder Rasse gegen ihn sprechen. Sondern weil ihm

die Intelligenz oder der Leistungswille fehlen,

die – so suggerieren es Hollywood, die Politik und Lehrer – die Schlüssel sind, die ihm die Welt seiner Träume aufschließen. Jede Aufstiegsgeschichte zeigt ihm: Du bist ja selber schuld, dass du unten bist.

Diese deprimierende Erkenntnis trifft besonders jene, die keine Zugewanderten, keine Minderheit, keine Behinderten, keine Frauen sind. Die also ihr Versagen nicht einer Diskriminierung zuschreiben können.

Weiße Männer aus der Unterschicht,

die immer seltener aus ihrem Klassenbewusstsein und der Solidarität der Arbeiterquartiere ihr Selbstbewusstsein ziehen können – sie sind die

Vorhut der Revolution gegen die Leistungsträger.

Sie wählen Donald Trump. Sie haben für den Brexit gestimmt. Sie marschieren gegen Zuwanderung. Nicht weil die Eliten versagt hätten, sondern weil die Elite das Versagen der Masse zum Programm erhoben hat.

Während die Leistungsträger international denken, Freihandel und Bewegungsfreiheit befürworten, Zuwanderung als Chance – auch für die Rekrutierung in die neue Klasse – begreifen und den technischen Fortschritt begrüßen, weil er ihre spezifischen Fähigkeiten noch wertvoller macht, wollen die Abgehängten zurück zu Hierarchien.

Es ist Zeit, die Kriterien für den Schulerfolg zu überdenken. Nicht nur Mathe und Deutsch, Computerfähigkeiten und IQ sind wichtig. Musik und Kunst, Kochen und Werken, Fußball und Boxen, soziale Intelligenz und Gartenarbeit müssen genau so wichtig werden wie die akademischen Fächer. Schulversagen muss ein Ding der Vergangenheit werden. Gleichzeitig muss viel mehr getan werden, um die intellektuellen Fähigkeiten im frühkindlichen Alter in Kita und Schule zu fördern. …“

Pädagogen aller Länder und Stände, stimmen Sie zu?

 

 

 

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