Manchmal passiert es mir, dass ich in einer Diskussion von „einfachen Naturwissenschaftlern“ spreche. Damit ist gemeint, dass ich bei der Lösung politischer Probleme auf Naturwissenschaftler stoße, die sich mit einfachen technischen Modellen und Lösungen zufriedengeben, wo tatsächlich politische Lösungen (Interessenkonstellationen, Kompromissfindung, Mehrheitsbeschaffung, soziale Lagen etc.) erforderlich sind. Und bei politischen Lösungsversuchen gibt es keine einfachen („So einfach ist das.“) Entscheidungen. Das ist von mir gewiss auch ein wenig ungerecht (und arrogant).
Nun haben zwei Wissenschaftler in den USA untersucht, wie sich internationale Terroristen in Bezug auf ihre Berufsausbildung sozial zusammensetzen.
Diego Gambetta/Steffen Hertog: Engineers of Jihad. Princeton 2016.
Die Autoren haben die bildungsbiografischen Daten von 4000 Aktivisten ausgewertet. Und sie gelangen dabei zu dem Ergebnis, dass unter den Terroristen Ingenieure und Absolventen technischer Studiengänge überrepräsentiert sind, obwohl sie kaum mehr als ein Prozent der Bevölkerung darstellen und nicht mehr als zehn Prozent der Akademiker ihres Staates. Unter den etwa 200 radikalen Muslimen, die sich in den Jahren nach dem 11. September 2001 als terroristische Aktivisten hervortaten, stellen sie fast die Hälfte.
Maßgeblich dafür ist aber nicht das möglicherweise etwas ordnungswütige Gesellschaftsbild von Ingenieuren, sondern die Größe ihres Anteils an den Terroristen variiert mit dem Gefälle an zugemuteter Enttäuschung, das durch fehlende Chancen beim
Berufseinstieg und Statuserwerb
hervorgerufen wird.
„Die politische Botschaft dieses faszinierenden Buches ist eindeutig: Wer Bildungschancen ausbaut, ohne für adäquate Beschäftigungsmöglichkeit sorgen zu können, kann nicht beanspruchen, dem sozialen Frieden zu dienen.“ (André Kieserling, FAS 3.7.16)