1237: Hentig verunglimpft Odenwaldschul-Opfer.

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Ihm verdanken wir einige Bücher zum Konstruktivismus, eine der wichtigsten Groß-Theorien der Sozialwissenschaften. Pörksen erforscht die Dynamik öffentlicher Empörungsprozesse. Er hatte die Berichterstattung über den sexuellen Missbrauchsskandal an der (inzwischen geschlossenen) Odenwaldschule gerechtfertigt. Vom Verlag hatte Pörksen die Fahnen zu

Hartmut von Hentigs

neuem Buch „Noch immer Mein Leben. Erinnerungen und Kommentare aus den Jahren 2005 bis 2015.“

erhalten. Pörksen hat das zum Anlass für eine umfassende Kritik des Werks genommen (Die Zeit, 21.4.16).

Der Chefideologe der Reformpädagogik, Hartmut von Hentig, rechtfertigt sich in seinem Buch selbst. Er versucht, sein „Lebenswerk“ zu retten. Dabei geht er so weit, den sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule, 132 Fälle sind nachgewiesen, partiell so umzudeuten, dass einige Täter wohl von den missbrauchten Kindern und Jugendlichen „verführt“ worden seien. Auch der

Haupttäter, von Hentigs Freund und Lebenspartner Gerold Becker.

Von Hentig selbst will nichts gewusst haben und nicht mit seinem Freund über den Missbrauch gesprochen haben.

„.. es geht schließlich um die infame Beschreibung sexueller Gewaltverhältnisse als mehr oder minder einvernehmliche Liebesbeziehungen zwischen Jugendlichen und ihrem Lehrer und um die Diskreditierung von Opfern, die einen bei der Lektüre vor Wut zittern lässt.“

Von Hentig behauptet, im Nachlass Beckers Briefe seiner Opfer gefunden zu haben, die seine (Hentigs) Behauptungen rechtfertigten, diese aber aus rechtlichen Gründen nicht veröffentlichen zu dürfen.

Von Hentig kritisiert, dass man

Andreas Huckele,

einen hundertfach von Gerold Becker missbrauchten Ex-Schüler und Autor eines erschütternden Enthüllungsbuchs, den Geschwister-Scholl-Preis zuerkannt hat. Und zugleich charakterisiert er Huckele als Opfer. Begriffsakrobatik.

„Man muss sich, wenn man solche widerlichen, auf die erneute Demütigung eines Menschen zielenden Gedankenspiele liest, eines klarmachen: Hartmut von Hentig hat in dem Versuch, die eigene Rolle zu erklären, die eigene Ahnungslosigkeit eines selbst Betrognenen zu belegen und gleichzeitig doch irgendwie das öffentliche Bild von Gerold Becker zu korrigieren, stets zuverlässig neue Empörungsanlässe produziert, so auch in diesem Buch. All seine Versuche, die Einfälle des Freundes als pädagogische Jahrhundertideen zu verherrlichen, seine Verbrechen jedoch durch die Kritik der Kritiker zu relativieren, sind gescheitert.“

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