1210: Geschichten von Frauen und Geschichten von Männern

Die 1967 in Kanada geborene Schriftstellerin Rachel Cusk hat sich den Titel „meistgehasste Schriftstellerin Großbritanniens“ wohl hauptsächlich durch ihr Buch „Aftermath“ verdient, in dem sie über das Scheitern ihrer Ehe schreibt und dabei vom „menschlichen Bedürfnis nach Krieg“ fabuliert. Ihre Weltsicht erscheint vielen Lesern pessimistisch. Thomas David hat sie für die „Literarische Welt“ (26.3.16) interviewt.

Literarische Welt: Welche falschen Geschichten schaden uns am meisten?

Cusk: Es gibt einen großen Unterschied zwischen den Geschichten von Männern und denen von Frauen. Viele Frauen klammern sich an das Märchen vom Happy End und benutzen ihre unerschütterliche Hoffnung als den Mechanismus, der alles am Laufen hält. Der männliche Erzählmodus, der unsere Kultur am nachhaltigsten prägt, ist der der Ironie. Ironie als „way of life“, als Modus einer permanenten Verunglimpfung und Herabsetzung. Dies ist in der amerikanisierten Kultur besonders ausgeprägt, und ich würde es meinen Kindern deshalb zum Beispiel nie erlauben, „Die Simpsons“ zu sehen. Diese Serie ist zwar extrem geistreich und witzig in der Kommentierung des Tagesgeschehens und der Beobachtung gesellschaftlicher Fragen. Aber zugleich ist es absolut tödlich, wenn jemand etwas mit Intelligenz beobachtet und diese Beobachtung zugleich aber durch Humor neutralisiert. Dies ist Ausdruck einer unglaublichen Passivität, die niemals in der Lage sein wird, etwas zu bewirken oder richtigzustellen.

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