1204: Georg-Lukacs-Archiv wird geschlossen.

Im Zuge der rechtspopulistischen Neuordnung der ungarischen Politik wird das

Georg-Lukacs-Archiv

in Budapest geschlossen. Das teilte die Ungarische Akademie der Wissenschaften mit. Die Arbeit des Archivs, das Werk eines der großen marxistischen Philosophen des 20. Jahrhunderts zu erschließen und erforschen, endet damit. Die auf vielen Blättern gemachten Notizen Georg Lukacs‘ (1885-1971) werden auseinandergerissen, Briefe, Manuskripte und Bücher getrennt (Jens Bisky, SZ 21.3.16).

Georg Lukacs hatte an der Universität seiner Heimatstadt Budapest studiert, von der er 1906 zum Dr. rer. oec. und 1909 zum Dr. phil.promoviert wurde. Von 1909 bis 1918, dem Jahr seiner Rückkehr nach Budapest, lebte Lukacs in Heidelberg und Berlin. Er bewegte sich im Feld der Neukantianer (Emil Lask, 1875-1915) und gehörte zum Kreis um Max Weber (1864-1920) und Georg Simmel (1858-1918).

1915 veröffentlichte Lukacs seine

„Theorie des Romans“,

welche heute noch gelesen wird und welche die Geschichte ins Zentrum des gesellschaftlichen Lebens und des Romans rückt. Lukacs prägte den Begriff der „transzendentalen Obdachlosigkeit“. Seine Vorbilder fand er im Roman des 19. Jahrhunderts. Mit seiner Hinwendung zum

Marxismus

und seinem Eintritt in die KP fasste Lukacs dieses Phänomen in den Begriff der Entfremdung.

1919 gehörte Georg Lukacs als stellvertretender Volkskommissar für das Unterrichtswesen zur vier Monate im Amt befindlichen Räteregierung von Bela Kun. Er war Politkommissar der 5. Armee der ungarischen Roten Armee. In diesem Amt war er für die Tötung vieler politischer Gegner verantwortlich. Es herrschte Bürgerkrieg.

1923 erschien Georg Lukacs zentrales Werk

„Geschichte und Klassenbewusstsein“,

das wesentlich den Neomarxismus in Westeuropa fundierte. Lukacs distanzierte sich später teilweise von diesem Werk. Aber es gab auch den „Widerruf des Widerrufs“. 1928 veröffentlichte Lukacs seine

„Blum-Thesen“,

in denen er die Dikatatur des Proletariats skizzierte. Damit traf er auf den Widerstand der KPD. Lukacs war mittlerweile nach Moskau geflohen, wo er an allen, teilweise sehr blutigen, philosophisch-ideologischen Auseinandersetzungen im Stalinismus beteiligt war. Die „große Säuberung“ (1936-1938) überstand er mit Mühe und Not. 1941 wurde er vom NKWD vorübergehend in die „Lubjanka“ gesperrt.

In der „Expressionismus-Debatte“ (1934-1938) unter deutschsprachigen emigrierten Marxisten wurde der Expressionismus von Georg Lukacs und Alfred Kurella als Vorläufer des Faschismus gesehen. Während z.B. Bertolt Brecht und Hanns Eisler den „ästhetischen Innovationscharakter der bürgerlichen Avantgarde“ anerkannten. Insofern gilt Lukacs nicht zu Unrecht als ein Mitbegründer des „sozialistischen Realismus“ (ab 1934). Er wandte sich aber gegen „vulgärsoziologische Vorstellungen“ sowjetischer Literaturwissenschaftler. Andererseits kritisierte er die moderne Avantgarde-Literatur eines James Joyce und eines John dos Passos. In vielen Werkanalysen hat Lukacs seine Theorie begründet und erläutert. In

„Die Zerstörung der Vernunft“ (1946)

kritisierte Lukacs die deutsche Philosophie seit Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Dabei stand er anscheinend stark unter dem Einfluss der KP, so dass Theodor W. Adorno über dieses Buch u.a. geschrieben hat, dass darin Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud schlicht zu Faschisten erklärt würden.

Georg Lukacs war das Vorbild für die Figur des

Naphta

in Thomas Manns „Zauberberg“. Er kehrte 1945 nach Budapest zurück und wurde 1948 Professor für Ästhetik und Kulturphilosophie. Er war der intellektuelle Führer des Petöfi-Klubs, eines Gesprächszirkels, in dem der Budapester Aufstand von 1956 gegen die UdSSR vorbereitete wurde. 1956 wurde Georg Lukacs Kulturminister in der Regierung Imre Nagys. Seine programmgemäße Verhaftung und Internierung durch die Rote Armee (der Sowjetunion) soll ihn zu dem Satz gebracht haben, der seiner Literaturtheorie widerspricht:

„Kafka war doch Realist.“

 

 

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