1200: Martin Luther als Schrumpfgermane

Der Göttinger Ordinarius für Kirchengeschichte und Reformations-Spezialist Thomas Kaufmann, geb. 1961, der erfreulicherweise für uns auch Vorträge außerhalb der Universität hält, hat sich in einer Rezension (FAZ 19.3.16) neue Bücher zum Reformationsjubiläum 2017 vorgenommen. Erfreulicherweise nimmt er kein Blatt vor den Mund. An den besprochenen Büchern lässt er kaum ein gutes Haar.

Zunächst belegt Kaufmann, dass das Lutherbild von heute verhängnisvoller Weise das des nationalistischen Heros des 19. Jahrhunderts ist. Tatsächlich wäre dem Größe im Sinn originaler historischer Prägekraft oder bleibender Bedeutsamkeit nicht zuzusprechen. Dann gäbe es gar keinen Grund, das Reformationsjubiläum zu begehen. Kaufmann demonstriert, wie Luther aus drei Richtungen missverstanden wird.

1. Aus der Perspektive des Roms der Reformationszeit war Martin Luther ein germanischer Barbar, von dem die dortigen Skribenten, Nuntien und Kurtisanen nichts Substanzielles wussten. Sie hegten ihre Ressentiments. Und sie verstanden nicht, warum nach Luther Mönche und Nonnen ihre Klöster verließen, Priester heirateten, Stifter ihre Bilder und Altäre abbrechen ließen. Etc. Manchmal habe ich den Eindruck, dass eine derartige Einstellung partiell auch heute noch in Rom vorhanden ist.

2. Die theologische Richtung, die an Luther hauptsächlich seine starke Prägung durch die mystische Theologie Johannes Taulers hervorhebt, zeigt uns ebenfalls nicht den ganzen Luther. Sie sieht nicht Luthers Konzentration auf das Gotteswort, die Freiheit eines Christenmenschen, das Priestertum aller Gläubigen, die Sakramentenlehre etc. In dieser Perspektive wird Luther zugunsten der ihm vorausgegangenen Frömmigkeitstradition geschrumpft.

3. Eine überwiegend journalistische Sicht versteht Luther in erster Linie als Anfang einer politischen Unheilsgeschichte. Kulminierend im dreißigjährigen Krieg (1618-1648). Dabei kommen Untertanen heraus. Nicht gesehen wird, wie durch den Augsburger Religionsfrieden von 1555 und den Westfälischen Frieden 1648 ein Weg der Pazifierung beschritten wurde. Eben dieses Modell der Entschärfung religiöser Gewaltpotentiale ist es gerade, das heute angesichts neu aufkomender religiöser Intoleranz so dringend propagiert werden muss. Die Antwort unserer Rechtskultur auf diese zentrale Frage der Gegenwart ist die Zivilisierung der Religion mit den Mitteln des staatlichen Rechts.

Ignoranten, auch atheistische, sehen das nicht oder können es nicht erkennen.

Martin Luther (1483-1546) war ein brillanter Publizist, ein virtuoser Sprachküstler und ein Kämpfer für die Freiheit des Glaubens. Er hat den neuzeitlichen Individualismus mit begründet, aus dem die Menschenrechte abgeleitet worden sind. Zum Schrumpfgermanen eignet er sich nicht.

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