Hugo Bettauer wurde 1925 in Wien in seiner Redaktion von Otto Rothstock ermordet (Ralf Leonhard „taz“ 29.1.13). Er gehört damit in die lange Reihe ermordeter Juden hinein, Walther Rathenau, Maximilian Harden, Theodor Lessing, Erich Mühsam … Der Mörder rechtfertigte sich damit, dass er die Gesellschaft vor dem „großen Pornografen“ habe schützen müssen.
Hugo Bettauer, der als Sohn ostjüdischer Einwanderer schon früh zum Protestantismus übergetreten war, setzte sich mit der Sozialdemokratie für Frauenrechte ein und kämpfte gegen das Abtreibungsverbot. Seine Romane wie „Die Stadt ohne Juden“ und „Der Kampf um Wien“ waren gewiss keine literarischen Meisterwerke, erreichten aber erstaunlich hohe Auflagen. 2012 wurden sie vom Metroverlag und vom Milenaverlag neu verlegt. Das ehrt den Kämpfer für Emanzipation und Demokratie. Bettauer träumte von einer Versöhnung zwischen arm und reich, musste aber erkennen, dass seine Vorstellungen sich in der österreichischen Gesellschaft nicht verwirklichen ließen.
Hugo Bettauer gab Erotikmagazine heraus, in denen es zwar keine Aktfotos gab, aber Kontaktanzeigen. In einem Prozess wegen Pornografie und Kuppelei wurde er freigesprochen. Seine Pläne für eine Arbeiterselbstverwaltung galten als kommunistisch, seine politischen Ansichten als umstürzlerisch und sein gesellschaftlicher Liberalismus als anrüchig.
So manche Inkonsistenz in seinen Texten lässt sich damit erklären, dass Bettauer, ein manischer Vielschreiber, seine Romane oft als Fortsetzungsgeschichten in Tageszeitungen publizierte und oft tagesaktuelle Ereignisse einbaute. Bettauers Magazin „Er und Sie – Wochenschrift für Lebenskultur und Erotik“ kann als Vorläufer von „Dr. Sommer“ in der „Bravo“ gelten. In der zeitgenössischen deutsch-nationalen Presse wurde Bettauer als „räudige Talmudseele“ oder „perverses Kloakentier“ bezeichnet. So schrieben die Schreibtischtäter, die seinen Mord vorbereitet haben.
Hugo Bettauer befand sich in einem auch für andere Menschen klassischen Dilemma, indem er sich für die assimilierten Juden einsetzte und dabei wenig Verständnis für Ostjuden zeigte. Der kanadische Bettauer-Forscher Murray Hall schreibt dazu: „Es gab diese Angst, dass eine Reaktion gegen die Ostjuden überschwappen und sich gegen die assimilierten Juden richten könnte. Deswegen hatte Bettauer für die Ostjuden nicht viel übrig.“ Eine tragische Fehleinschätzung.