329: „Neger“ und „Zigeuner“ im Kinderbuch

Seit Frau Ministerin Schröder sich an die Spitze der Bewegung zur „Reinigung“ von Kinderbüchern gestellt hat, können wir einiges erwarten. Aber was? Jedenfalls nimmt sich nun mit Burkhard Müller (SZ 15.1.2013) jemand des Themas an, den ich für einen der klügsten Journalisten halte, die ich lese. Und natürlich setzt er ein mit dem 170 Jahre alten „Struwwelpeter“. Da lesen wir: „Es ging spazieren vor dem Tor/ein kohlpechrabenschwarzer Mohr.“ Zweifellos politisch und literarisch nicht korrekt. Allerdings ist die pädagogische Absicht hier ganz und gar klar. „Auch wenn jemand anders ist als du, sollst du ihn doch wie deinesgleichen behandeln.“

Müller zeigt, dass sich bei Wilhelm Busch eine Generation später schon das Ressentiment einschleicht: „Der Elefant geht froh nach Haus/Der Mohr sieht wie ein Kaktus aus.“ Das Ressentiment kommt hier über den Reim, aber es kommt. Viele von uns können ohnehin den allfälligen Sadismus bei Busch nicht erkennen.

Müller nimmt diejenigen in den Blick, die sich von der „Political Correctness“ nicht bevormunden lassen wollen. Er verweist darauf, dass Geschichte eben nicht die Summe des Vergangenen als solche ist, sondern „vielmehr das Vergangene in seinem Bezug auf die jeweilige Gegenwart“. Historisierung und damit Umdeutung findet immer – auch unwillkürlich – statt. Die historisch Bewussten verschanzen sich manchmal hinter ihrer „Naivität“, wie Müller meint. Sie tun so, als wollten sie den dichterischen Wert von Kinderbüchern erhalten oder die „unverfälschte Quelle“. Das bezeichnet Müller, der hier einen starken Begriff nicht scheut, als

„reaktionären Infantilismus“.

Dem kann ich mich nicht ganz entziehen. Zumal Kindern doch, wie Müller wohl zu Recht unterstreicht, der „historische Sinn“ fehlt. Für sie ist alles aus einer Geschichte Gegenwart. Und die bleibt haften. Für das ganze Leben. Müller verweist auf George Orwell, der von uns verlangt, dass wir jemand so nennen, wie er von uns bezeichnet werden will. „Ein Nein seitens der Gemeinten sollte genügen, um alle Diskussionen um Neger und Zigeuner abzuschneiden.“

Dann wird der Wandel in den Begriffen aufgeführt mit Nigger/Neger/Farbiger/Schwarzer/Afro-Amerikaner. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Obwohl wir berücksichtigen müssen, dass dann, wenn in Mark Twains Werken (u.a. „Tom Sawyer“ und „Huckleberry Finn „) „Nigger“ durch ein anderes Wort ersetzt würde, sich der Sinn des Ganzen veränderte. Denn hier bezeichnet und denunziert „Nigger“ ja gerade durch seine Verwendung in der wörtlichen Rede und im inneren Monolog rassistisches Denken. Trotzdem gibt es US-amerikanische Universitäts-Bibliotheken, in denen Twains Werke nicht mehr greifbar sind. Zensur?

Burkhard Müller macht uns auf die weit verbreitete Heuchelei bei unserem Thema aufmerksam. „Man denke nicht zu schlecht von der Heuchelei. Sie stellt eine vertrackte Sonderform des guten Willens dar, der sich bloß sozusagen in den Arm fällt. Ja, eigentlich haben wir es bei dieser Debatte mit zwei konkurrierenden Heucheleien zu tun. Die eine gibt vor, das Alte sei schon als solches heilig, um dem Neuen aus dem Weg zu gehen. Die andere führt punktuell das Neue ein, damit insgesamt doch alles beim Alten bleibt. Und in jedem Fall sind es besorgte Eltern, die es tun. Was man ihnen wünschen soll? Rebellische Kinder natürlich.“

Insofern hat Ministerin Schröder anscheinend nicht ganz unrecht. Das habe ich bei ihr ja noch nie so gesehen.

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