Nachdem wir nun über das Versagen der Polizei in Köln an Silvester einigermaßen ins Bild gesetzt sind und der Polizeipräsident entlassen worden ist (was ist eigentlich mit dem Innenminister von Nordrhein-Westfalen?), zeichnet sich ab, was künftig geschehen muss, damit solche schlimme Kriminalität nicht wieder auftritt. Bestimmt brauchen wir mehr Polizisten. Gewiss müssen straffällig gewordene Flüchtlinge und Asybewerber leichter abgeschoben werden können. Und wir müssen sie abschieben. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im Kern um eine Angelegenheit ging, über die viele nicht gerne sprechen:
um Gewalt (insbesondere sexualisierte) gegen Frauen.
Und hier ist der Stand, den wir uns mühsam erarbeitet haben, noch nicht so gefestigt, als dass wir damit leichtfertig umgehen dürften. Erinnern wir uns daran, dass Vergewaltigung in der Ehe bis 1997 kein Straftatbestand war. Und wir dürfen nicht nur nicht leichtfertig damit umgehen, wir dürfen bei diesem Thema auch keinen Millimeter von unserer Kultur zurückweichen. Denn um einen „Clash of Civilisations“ (Samuel Huntington) handelt es sich zweifelsfrei. Er wird auch dazu führen, dass wir künftig Kopftücher, Verschleierungen, Burkas, Schwimmstunden für muslimische Frauen, die Teilnahme an Klassenfahrten etc. anders beurteilen. Nüchterner.
Eva Schroeder schreibt in der SZ (9./10.1.16): „Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass man als Frau nachts ohne Begleitung über eine Innenstadtbrücke schlendern oder die Töchter alleine mit einem Bus von einer Party nach Hause schicken kann. Es ist nicht selbstverständlich und auch nur in wenigen Ländern der Welt so problemlos möglich wie in Deutschland. Und auch hier ist es noch gar nicht lange so. Es ist die Errungenschaft mutiger Frauen, die nach allem, was sich in der Silvesternacht wohl in Köln ereignet hat, noch etwas weniger selbstverständlich erscheint.
Man will es sich lieber nicht vorstellen, wie es sich angefühlt haben mag, als Frau im Mob an diesem Bahnhof. Dabei kann man es sich gerade als Frau doch recht einfach vorstellen. Erniedrigung unter der Bedingung physischer Unterlegenheit, Ohnmacht und Hilflosigkeit, brennt sich ins Hirn. Sie nährt ein tiefsitzendes Depot weiblicher Grunderfahrungen. Und kann panische Angst machen.“
Und weiter: „Die größte Gefahr für sexualisierte Gewalt droht in den eigenen vier Wänden. Bis zu dieser Silvesternacht konnten sich Frauen mit etwas Hilfe ihres gesunden Menschenverstandes auch nach 22 Uhr an den meisten öffentlichen Orten sicher fühlen. Der Grund dafür aber war nicht etwa, dass das Problem sexualisierter Gewalt in Deutschland bereits gelöst wäre. Natürlich sind Rape Culture und Gang-Bang-Fantasien auch hier kein neues Phänomen. Aber es war doch weithegend aus dem Bewusstsein verbannt, dass einem sexualisierte Gewalt in diesem Ausmaß an einem polizeilich überwachten Hauptbahnhof begegnen kann.“
Vera Schroeder verweist auf die Frage, sie macht sie sich nicht zu eigen, „ob ein kurzer Rock (Armlänge) nicht doch eine Aufforderung ist. Oder schmatzende Schnalzgeräusche von einer pubertierenden Jungsgruppe an der Bushaltestelle denn nun wirklich so ein großes Drama sind. Sie sind es nicht. Das Drama steckt dahinter. Es ist die fehlende Aufklärung in Familien und Schulen, die es versäumen, den Zusammenhang zu erklären zwischen Schnalzgeräuschen, Gewalt und Frauenrechten.“
Was wir in Köln auch sehen konnten, war
das Elend der „Political Correctness“,
die Politik des Schönredens, Bestreitens und Gesundbetens. Sie hat in diesem Fall dazu geführt, dass die Polizei gelogen hat darüber, dass auch Ausländer, Flüchtlinge und Asylbewerber unter den von ihr festgestellten Tätern waren. Und einige Medien und Journalisten haben den „Stresstest für den Journalismus“ (Michael Hanfeld, FAZ 9.1.16) nicht bestanden. Da hilft auch die Behauptung über die angeblichen Vergewaltigungen auf dem Oktoberfest nicht weiter.
Berthold Kohler schreibt in der FAZ (9.1.16): „Wäre denn die Feststellung, die Täter und ihre Kumpane seien schon lange in Deutschland, vielleicht auch deutsche Staatsangehörige, beruhigender? Dann läge ein weiterer Beweis für massenhaft gescheiterte Integration vor. … Denn nur wenn sich Naivität mit Allmachtsphantasien paart, kann man ernsthaft glauben, die Einwanderung abertausender junger, muslimischer Männer aus den Kriegs- und Krisengebieten Asiens und Afrikas werde die bestehenden Probleme mit Migranten in Deutschland nicht vergrößern.“
Seit Köln hat die deutsche Flüchtlingspolitik eine andere Perspektive. Es war ein Wendepunkt. Ob wir es nun wollen oder nicht.