1115: Hannah Arendt war keine Dichterin.

Hannah Arendt (1906-1975) war eine große politische Theoretikerin, wohl unsere größte, aber sie war keine Dichterin. Das zeigen 70 Gedichte Arendts, die jetzt publiziert werden, von denen aber nur acht (8) noch nicht veröffentlicht sind:

Hannah Arendt: Ich selbst, auch ich tanze. Die Gedichte. München (Piper) 2015. 158 S., 20 Euro.

In ihrem Nachwort betont die Berliner Germanistin Irmela von der Lühe, die einmal in Göttingen gelehrt hat, wie viel Raum Dichtung und Kunst in Hannah Arendts Denken beansprucht haben. Und die deutsche Sprache, obwohl sie ihre letzten politologischen Publikationen auf Englisch geschrieben hat, so dass sie ins Deutsche übersetzt werden mussten. Wir erinnern uns an Arendts Satz in dem berühmten Fernseh-Interview mit Günter Gaus von 1964: „Es ist ja nicht die deutsche Sprache, die verrückt geworden ist.“

Die 70 Gedichte stammen aus 40 Jahren. Die aus den Jahren 1923 bis 1926 waren erkennbar an ihren Geliebten Martin Heidegger (1889-1976) gerichtet. Die Gedichte von 1942 bis 1961 kommen bereits aus dem US-amerikanischen Exil. Aber für Hannah Arendt waren – im Gegensatz zu vielen anderen Exilanten – die USA zur Heimat geworden. Arendts Gedichte scheinen von Friedrich Hölderlin (1770-1843) und Rainer Maria Rilke (1875-1926) beeinflusst. Gar nicht von Else Lasker-Schüler (1869-1945) und Gottfried Benn (1886-1956), einem anderen großen Liebespaar (Ina Hartwig, SZ 21.12.15).

Es bleiben uns Hannah Arendts große und bedeutende Werke:

– Der Liebesbegriff bei Augustin 1928,

– Rahel Varnhagen 1933/38,

– Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft 1951,

– Vita Activa 1960,

– Eichmann in Jerusdalem 1963 (ihr größtes Werk),

– Über die Revolution 1963,

– Macht und Gewalt 1970.

Und es bleiben uns die ganz einzigartigen Briefwechsel mit Kurt Blumenfeld, Heinrich Blücher, Hermann Broch, Martin Heidegger, Karl Jaspers, Uwe Johnson, Mary McCarthy, Gershom Scholem und Paul Tillich (alle im deutschen Buchhandel greifbar) und ihre Erinnerungen an Walter Benjamin.

Mit Schrecken erinnere ich mich daran, dass Hanna Arendt eine Zeit lang bei uns 68ern verpönt, weil nicht PC war. Denn sie hatte ja maßgeblich an der Ausarbeitung der

Totalitarismus-Theorie

mitgewirkt. Eine schlimme Tatsache. Heute haben wir sogar ihre Gedichte.

 

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