Wegen des beinahe unfassbaren Pariser Mordanschlags ist der Tod von André Glucksmann fast übersehen worden. Dabei wird der Massenmord in der französischen Hauptstadt sowohl seinen Anhängern als auch seinen Gegnern Anschauung für ihre Haltung sein. Denn Glucksmann, 78, war der Philosoph der Freiheit und der wehrhaften Demokratie. Seine Eltern hatten sich in Palästina kennengelernt und waren von dort nach Deutschland gegangen, das sie als Juden 1933 wieder verlassen mussten. Sie gingen nach Frankreich ins Land der Freiheit.
Hier studierte Glucksmann Philosophie und arbeitete als Assistent des liberalen Gesellschaftstheoretikers Raymond Aron (1905-1983) über Krieg, Abschreckung und nukleare Strategie. In den Tagen des Pariser Mai wurde er Maoist, vollzog aber unter dem Eindruck der Lektüre der Bücher von Alexander Solschenyzin (u.a. „Archipel Gulag“) (1918-2008) eine radikale und eindeutige Kehrtwendung. Der Stalinismus (1929-1953) war ihm das zynischste Machtsystem. 1976 erschien seine weltberühmte Schrift
„Köchin und Menschenfresser – über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager“,
mit der er sich bei der politischen Linken in Deutschland endgültig zur Persona non grata machte. Es folgte 1977
„Die Meisterdenker“,
in dem er die deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831), Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), Friedrich Nietzsche (1844-1900) und Karl Marx (1818-1883) analysierte. Glucksmann schrieb: „Eine Zivilisation gründet sich nicht unbedingt auf das gemeinsam angestrebte Beste, sondern auf die Ausgrenzung , die Tabuisierung des Bösen.“ (Jan Feddersen, taz 11.11.15) In Frankreich setzte er sich ein für Minderheitenschutz für
Roma, Migranten und Muslime.
„Ganz unten durch war er bei den gläubigen deutschen Pazifisten und Linken, als er auf dem Höhepunkt der Bewegung gegen die Nato-Nachrüstung unter dem Titel
‚Die Philosophie der Abschreckung‘
eine Rechtfertigung der nuklearen Rüstung des Westens veröffentlichte. Nur diese, argumentierte er, könne den sowjetischen Totalitarismus von der Unterwerfung ganz Europas abhalten, ohne einen schrecklichen Krieg führen zu müssen.“ (Richard Herzinger, Literarische Welt 14.11.15)
Mit dem Tod von André Glucksmann haben wir einen großen Verlust erlitten.