1070: Mythologisierung des Stalinismus in Russland

Jürgen Zarusky ist Historiker und Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte in München/Berlin sowie stellvertretender Chefredakteur der „Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte“. In seiner Rezension von

Oleg Chlewnjuk: Stalin. Eine Biographie. Siedler Verlag 2015, 592 S.; 29.99 Euro

kommt er auf die „Mythologisierung des Stalinismus“ in Russland zu sprechen (SZ 27.10.15), die immer stärker werde. Unter Stalinismus verstehen wir dabei das unter Stalins Leitung und Herrschaft stehende System (1929-1953), das durch Gewalt, Brutalität und Mord gekennzeichnet war. Es hat in der Sowjetunion (1917-1991) etwa 20 Millionen Tote gekostet, weltweit (unter Einbeziehung Chinas, Vietnams, der DDR etc.) ca. 100 Millionen Tote (vgl. Stephane Courtois et alii: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen, Terror. München-Zürich 1998 (1997), S. 16 ff.).

Josef Dschugaschwili (1878-1953), seit 1912 Stalin (der Stählerne) genannt, hatte 1899 nach viereinhalb Jahren das Priesterseminar in Tiflis (Tblissi) verlassen und danach bis 1917 als Berufsrevolutionär agiert. Vorzugsweise im Untergrund, im Gefängnis, in der Verbannung und auf der Flucht. Bei der Revolution 1917 war er ein effektiver Partner Lenins, herausragend im gewalttätigen Kampf durch seine persönliche Brutalität. Er hatte militärische Erfolge zu verzeichnen und war dadurch der Konkurrent von Leo Trotzki, dem Chef der Roten Armee. Nach Lenins Tod 1924 wurden die beiden Todfeinde. 1929 hatte Stalin sich durchgesetzt. Er ließ Trotzki 1940 in Mexiko ermorden.

Anfang der dreißiger Jahre hatte Stalins „Revolution von oben“, im Wesentlichen die energisch durchgepeitschte Industrialisierung und eine brutale Zwangskollektivierung, hauptsächlich Hungersnöte, besonders in der Ukraine, zur Folge. In der Tschistka, der „großen Säuberung“ 1936-1938, behielt Stalin die Zügel fest in der Hand und entledigte sich seiner innerparteilichen Gegner, auch wichtiger Offiziere. Der Hitler-Stalin- Pakt (1939-1941) frappierte die politische Linke auf der ganzen Welt. Hier paktierten zwei zu allem entschlossene Diktaturen miteinander. Er erklärt, warum Russland heute so unbeliebt bei seinen Nachbarn ist. Und er ermöglichte Deutschland seinen verbrecherischen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941.

Obwohl Menschenverachtung, ideologischer Wahn und Gewalt den Stalinismus charakterisierten, ist nicht zu übersehen, dass die Sowjetunion unter Stalin wesentlich und unter zahlreichen Opfern (ca. 17 Millionen Tote) dazu beigetragen hat, Nazi-Deutschland zu besiegen. Stalin starb 1953. Der real existierende Sozialismus bestand noch bis 1991. Nun kehren ihm eigentümliche Verhaltensweisen in die internationale Politik zurück, Menschenrechtsverletzungen, Völkerrechtsverletzungen, Aufrüstung, aggressive Außenpolitik und anderes. Die „Mythologisierung des Stalinismus“ passt zum Putinismus.

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