Zwei neue gelehrte Groß-Theorien zur Gewalt sind erschienen:
1. Timothy Snyder: Black Earth. Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann. München (C.H. Beck) 2015, 488 S., 29,95 Euro,
und
2. Jörg Baberowski: Räume der Gewalt. Frankfurt am Main (S. Fischer) 2015, 263 S., 19,99 Euro.
Die beiden unterscheiden sich auf den ersten Blick gar nicht so sehr, bei näherem Hinsehen dann doch.
Timothy Snyder hatte 2010 „Bloodlands“ publiziert, in dem er erläuterte, wie sich in den Zonen und Regionen des Hitler-Stalin-Pakts (1939-1941) die Gewalt bis zum Völkermord entfaltete. Die Linke fühlte sich auf den Schlips getreten, ihr war die Schilderung der Nazi-Gewalt und der kommunistischen Gewalt zu ähnlich. Nun legt Snyder mit „Black Earth“ nach. Tatsächlich sieht er Hitler als jemand, der gar nicht auf den Staat setzt, sondern diesen zerschlägt, um dann in den „entstaatlichten“ Räumen Osteuropas und Ostmitteleuropas unbehindert morden zu können. Für Snyder war es gerade die Beseitigung der Bürokratie, die den Holocaust möglich machte. Aber Snyder verfolgt auch eine Mission. Er will darauf hinaus, dass sich in Zeiten des Klimawandels und der Putinschen Expansionspolitik ein Holocaust jederzeit wiederholen könne.
Sein Rezensent Jörg Baberowski schreibt: „Snyder mag Putin für einen Schurken und den Klimawandel für eine Gefahr halten. Aber ist es die Aufgabe eines Historikers, den Menschen der Gegenwart Ratschläge zu erteilen, wie sie leben sollen? Und muss man den Holocaust für diesen Zweck missbrauchen?“ (Zeit Literatur, September 2015).
Baberowskis eigene Theorie schließt an seine Studien zum stalinistischen Terror an. Das klingt vielversprechend. Im Kern besagt sie, dass dann, wenn man Menschen dazu Raum und Gelegenheit gäbe, diese töten und quälen würden, Macht ausüben und terrorisieren. Das beträfe „ganz normale Männer“ (wie Polizisten), Vegetarier (wie Hitler) und Naturschützer (wie Himmler). Gewalt sei nicht „strukturell“, sondern sie brauche Täter. Baberowski prüft die Zivilisations- und Machttheorien von Norbert Elias, Michel Foucault, Jan Philip Reemtsma und Wolfgang Sofsky ernsthaft und verwirft sie am Ende. Macht beruhe auf glaubwürdiger Gewaltanwendung, Macht sei verstetigte Gewalt, Herrschaft verstetigte Macht. Deswegen benötigten wir eine Ordnung, in der die potentiellen Gewalttäter abgeschreckt und domestiziert werden würden (Gustav Seibt, SZ 21.10.15).
Nach Snyder brauchen wir also Staaten zur Verhinderung von Gewalt und Terror, nach Baberowski eine „Ordnung“. Darin sind sie sich beinahe einig.