1052: Familie Cassirer

Die ursprünglich aus Schlesien stammende jüdische Familie Cassirer repräsentierte bürgerliche Kultur in ihrem ganzen Umfang, wie wir das ansonsten nur von der Familie Mendelssohn kennen. Das dokumentiert weithin

Sigrid Bauschinger: Die Cassirers. Unternehmer, Kunsthändler, Philosophen. Biographie einer Familie. München 2015, 464 S., 41 Abb., 29,95 Euro.

Das ist wohl zu unbekannt in Deutschland.Der Rezensent Jens Bisky kritisiert den Band scharf und misst ihm nur die Funktion einer Materialsammlung zu (SZ 13.10.15).

Max Cassirer (1857-1943)

war Holzhändler und Charlottenburger Kommunalpolitiker. Er trat als Kunstmäzen auf. Seine Tochter

Edith (1885-1982)

gründete mit ihrem Mann Paul Geheeb die

Odenwaldschule,

die von Max Cassirer massiv finanziell unterstützt wurde. Kürzlich mit dem Scheitern der Reformpädagogik ist sie an ihr Ende gekommen. Max Cassirers Vermögen wurde „arisiert“. Mit nichts als einem Regenschirm und einem Handkoffer floh er in die Schweiz zu seiner Tochter und starb 1943 im Exil in Wales.

Die Vettern (und später auch Schwager)

Paul Cassirer (1871-1926) und

Bruno Cassirer (1872-1941)

gründeten 1898 in Berlin die „Bruno & Paul Cassirer Kunst- und Verlaganstalt“, die in der Folgezeit führend in der deutschen Kunst wurde. Von hier wurde die „Berliner Sezession“ gefördert und Künstler wie Lovis Corinth, Max Liebermann und Max Slevogt. Die Firma zeigte Ausstellungen von Vincent van Gogh und vielen Franzosen, etwa Edgar Degas. 1901 zerstritten sich die Vettern, Paul behielt die Galerie und den Kunsthandel, Bruno den Verlag. Hier erschienen die Zeitschriften

„Pan“ und „Das Theater“.

Ein Lektor war Christian Morgenstern, ein anderer Max Tau.

Der Pferdefreund Bruno Cassirer betrieb das Gestüt Lindenhof und importierte erstklassige ausländische Pferde. Charlie Mills gewann mit Cassirers Pferd „Walter Dear“ 1924 den Prix d’Amerique. 1938 enteigneten die Nazis die Cassirers entschädigungslos. Charlie Mills übernahm pro forma die Gestütsleitung für Bruno Cassirer. Dieser emigrierte nach Großbritannien, wo er 1941 in Oxford starb.

Paul Cassirer war selbst Kunsthistoriker. Er wurde der große Förderer des Impressionismus in Deutschland. Arthur Holitscher war der leitende Lektor im Hause. Verlegt wurden etwa Else Lasker-Schüler, Frank Wedekind, Carl Sternheim und Ernst Toller. Paul Cassirer erschoss sich kurz vor der Scheidung von seiner zweiten Frau, der Schauspielerin Tilla Durieux, 1926 in einer Berliner Anwaltskanzlei. Nach 1933 versuchten Walter Feilchenfeldt und Grete Ring den Verlag im Ausland weiterzuführen. 1932 hatten sie noch gemeinsam mit Alfred Flechtheim drei große Ausstellungen moderner Kunst organisiert.

Ernst Cassirer (1874-1945) war ein sehr angesehener Philosoph. Sein Hauptwerk war die „Philosophie der symbolischen Formen“, worin er die verschiedenen „Zugangsweisen zur Welt“ (Mythos, Religion, Wissenschaft, Sprache etc.) zeigte und analysierte. Von 1919 bis 1933 war der dem Neu-Kantianismus nahestehende Cassirer Professor in Hamburg. Er arbeitete eng mit dem Kunsthistoriker Aby Warburg zusammen. 1929 kam es in Davos zu dem sagenhaften Streitgespräch mit Martin Heidegger über das Thema „Wie ist Freiheit möglich?“. Nun: Heidegger wurde NSDAP-Mitglied, wollte „den Führer führen“ und hat sich offiziell nie vom Nationalsozialismus losgesagt. Ernst Cassier emigierte 1933 sofort, hatte später Professuren in Oxford, Göteborg, Yale und an der Columbia University inne.

 

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