Wir seinerzeit jungen Leser waren von Ernest Hemingways Erzählungen begeistert, weil seine Erzählweise in der Kunst des Weglassens und der Aussparungen bestand, basierend auf der Sensibilität des Psychologen, der nur weniger Hinweise bedarf, um zu erkennen, was menschlich auf dem Spiel steht. Er ließ das Unbewusste sprechen, indem er es nicht zur Sprache brachte. Meine Ausgabe der „sämtlichen Erzählungen“ in der Übersetzung von Annemarie Horschitz-Horst stammt von 1966 (Rowohlt), ursprünglich 1938. Erstaunlich, in welch jungen Jahren Hemingway seine Meisterschaft erreichte.
Nun hat Werner Schmitz zehn seiner Storys in ein zeitgemäßes Deutsch neu übersetzt.
Ernest Hemingway: „Schnee auf dem Kilimandscharo“ Storys. Reinbek (Rowohlt) 2015, 221 S., 18,95 Euro.
Ernst Osterkamp, ein offenbar höchst gelehrter Anhänger Hemingways, zeigt sich in seiner Rezension (FAZ 10.10.15) wiederum begeistert. „In Hemingways Storys stehen die Extreme des Heroismus und der Erbärmlichkeit eng beieinander. Auch deshalb verlässt den Leser nie das Empfinden, er könne alles Entscheidende über das Leben aus den Geschichten dieses großen Psychologen erfahren.“
Der Band enthält u.a. „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber“, „In einem anderen Land“, „Wie du niemals sein wirst“, „Fünfzigtausend“, „Die Killer“ und „Schnee auf dem Kilimandscharo“. Angesichts des alltäglichen Geschwätzes kommt die Lektüre dieser von allem Überflüssigen gereinigten Prosa einer geistigen Reinigung gleich. „Ein großer Psychologe war Hemingway auch deshalb, weil er die eigenen Posen durchschaute und in ihnen einen besonderen Ausdruck seiner seelischen Schutzlosigkeit, Sensibilität und Versagensängste erkannte.“
In der Meistererzählung „Schnee auf dem Kilimandscharo“ hält der Schriftsteller Harry in Anwesenheit seiner Frau am Vorabend und in der Nacht seines Todes Gerichtstag über sich selbst, sein Leben und vor allem sein Schreiben. Hier ein Zitat noch in der alten Übersetzung:
„Wie fühlst du dich jetzt?“ sagte sie. Sie war, nachdem sie gebadet hatte, aus dem Zelt gekommen.
„Ganz gut.“
„Magst du jetzt essen?“ Er sah Molo hinter ihr mit einem Klapptisch und den anderen Boy mit den Schüsseln.
„Ich möchte schreiben“, sagte er.
„Du solltest etwas Brühe trinken, um bei Kräften zu bleiben.“
„Ich sterbe heute nacht“, sagte er. „Ich brauche nicht bei Kräften zu bleiben.“