Martin Walser (geb. 1927) gehört zweifellos zu unseren größten Schriftstellern. Nach dem Tod von Günter Grass und Siegfried Lenz hat er eine gewisse Alleinstellung unter den „Alten“ (immerhin wird er 2017 neunzig). Aber er war zu allen Zeiten ein „bunter Hund“, in vielerlei Kämpfe verwickelt, vieler Dinge bezichtigt, von denen sich dann herausstellte, dass es doch wohl anders gewesen war. Und er hat wunderbare Romane, Erzählungen, Drehbücher und Theaterstücke geschrieben. Darunter „Ein fliehendes Pferd“ (1978) oder „Ein springender Brunnen“ (1998).
Vorsichtshalber füge ich hier eine kleine Auswahl von Lebensdaten an: Walser war Hörfunkredakteur beim SDR, saß im Seminar von Henry Kissinger, galt als DKP-Mitglied (was er nie war), war eng befreundet mit Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, hat den Sohn Jakob Augstein mit Rudolf Augsteins damaliger Frau Maria Carlsson, trat Gerüchten, er sehe sich kurz vor dem Literatur-Nobelpreis, nie entschieden genug entgegen, etc. Das genügt für mehrere Leben.
Martin Walser hat sich nicht gescheut, Dinge zu tun, von denen abzusehen war, dass er dafür scharf abgelehnt würde bis zum Hass. Drei Vorgänge sind hier hervorzuheben:
1. die Rede in den Münchnener Kammerspielen 1988 „Über Deutschland reden“, in der Walser sich nicht mit der Teilung Deutschlands abfinden wollte (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg. 2. Auflage 2009, S. 63-89),
2. die Paulskirchenrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1998, in der Walser verlangte, man dürfe Auschwitz nicht instrumentalisieren (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg. 2. Auflage 2009, S. 163-167) und
3. sein Roman „Tod eines Kritikers“ 2002, in dem sich Walser mit Marcel Reich-Ranicki auseinandersetzte (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg. 2. Auflage 2009, S. 167-171).
Zu diesen Skandalen hat sich Martin Walser nun anlässlich des 70. Jubiläums der SZ in einem Interview (Christian Mayer und Christopher Schmidt, 6.10.15) geäußert:
SZ: Als Sie schrieben, dass Sie sich nicht abfinden können mit der deutschen Teilung galten Sie plötzlich als Nationalist.
Walser: Die besten und intelligentesten Leute haben sich von mir distanziert, Habermas zum Beispiel. Oder Jurek Becker. Auch Freundschaften sind an Intoleranz kaputtgegangen. Noch die Paulskirchenrede hat mir 1998 ein fatales Unverständnis eingebracht, weil ich gesagt habe, man dürfe Auschwitz nicht instrumentalisieren. Weil ich es, warum auch immer, unterlassen habe zu sagen, wen ich meine, als ich von der „moralischen Keule“ sprach, hat der damalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, behauptet, ich würde jüdische Ansprüche kritisieren.
SZ: Na ja, Sie haben von „unserer Schande“ gesprochen, nicht von unserer Schuld. Wer war denn der Adressat der Rede?
Walser: Gemeint habe ich Walter Jens, Günter Grass, die gesagt haben, die deutsche Teilung sei eine Strafe für Auschwitz. Und das ist – ich habe ja mal Geschichte studiert – in jeder Hinsicht absurd. …
SZ: Und deshalb diese ganze Aufregung?
Walser: Wenn ich den Literaturbetrieb aus der Ferne betrachte, von ganz weit oben, kann ich sagen, dass ich der einzige Autor war, der sich gegen diese Machtausübung namens Reich-Ranicki gewehrt hat: und das kann ich mir nicht übelnehmen, auch wenn ich es damit anderen, die sowieso schon ein bisschen was gegen mich hatten, leicht gemacht habe. Zum Beispiel Frank Schirrmacher, der in dieser Sache ein richtig begabter Opportunist war. Er hat die Diskussion über das Buch für einen Auftritt genutzt, wie er ihn brauchen konnte. …