1043: Botho Strauß – der letzte Deutsche

Noch sehr gut erinnere ich mich daran, wie Botho Strauß‘ „Anschwellender Bocksgesang“ (Der Spiegel 6/1993) bei denjenigen meiner Studierenden Furore machte, die sich mit publizistischen Kontroversen beschäftigten. Schon seinerzeit schrieb der Schriftsteller: „Wir werden herausgefordert, uns Heerscharen von Vertriebenen und heimatlos Gewordenen gegenüber mitleidvoll und hilfsbereit zu verhalten, wir sind per Gesetz zur Güte verpflichtet.“ Und in meinem Archiv (noch ganz aus Papier) finde ich spielend die zahlreichen Strauß-Kritiker, die keineswegs alle anderer Meinung waren als der Dichter: Michael Maar, Thomas Assheuer, Robin Detje, Klaus Kleinschmidt, Willi Winkler, Bodo Kirchhoff, Tilman Spengler, Reinhard Mohr, Mathias Schreiber und Rober Misik.

Angesichts der Flüchtlingswellen hat sich der in der Uckermark lebende Botho Strauß, 70, der uns zwischendurch vor der technisch-ökonomischen Intelligenz und vor dem Verlust von Kultur und Gedächtnis gewarnt hatte, wieder zu Wort gemeldet (Der Spiegel 41/2015). Er erweist sich dabei als sehr konservativ, vorsichtig formuliert.

Er interpretiert die deutsche Flüchtlingspolitik und ihre Aufnahme in der Bevölkerung als Selbstaufgabe. Wir seien ein aussterbendes Volk. Politische Korrektheit lähme uns. Unsere Willkommenskultur sei nicht anderes als Furcht vor den uns überflutenden Fremden. Es dominiere der Pazifismus mit seinem Satz „Deutschland wird jeden Tag weniger. Das finde ich großartig.“

Botho Strauß verwendet partiell Selbstzitate: „Manchmal habe ich das Gefühl, nur bei den Ahnen noch unter Deutschen zu sein. Ja, es ist mir, als wäre ich der letzte Deutsche.“ Der Dichter sieht sich selbst als „Fortsetzer“ „von Empfindungs- und Sinnierweisen“, „die seit der Romantik eine spezifisch deutsche Literatur hervorbrachten“.

„Ich möchte lieber in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demografischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird, einem vitalen.“

Für Strauß ist die „linkskritische Intellektualität“, die sich gegen die Hegemonie des Ökonomischen auflehnte, ersetzt worden von Geistesverwandten, die selbst Ökonomen seien: Thomas Piketty, Joseph E. Stiglitz, Paul Krugman.

Die meisten „ansässigen Deutschen, die Sozial-Deutschen seien nicht weniger entwurzelt als die Millionen Entwurzelten“, „die sich nun zu ihnen gesellen“.

„Uns wird geraubt die Souveränität, dagegen zu sein. Gegen die immer herrschsüchtiger werdenden politisch-moralischen Konformitäten. Ihre Farbe scheinen parlamentarische Parteien heute ausschließlich in der Causa Schwulenehe zu bekennen.“

„Bei uns bestimmen Massen und Medien das Niveau der politischen Repräsentanten, die allesamt Ungelehrte in jeder Richtung sind …“

„Dank der Einwanderung der Entwurzelten wird endlich Schluss sein mit der Nation und einschließlich einer Nationalliteratur. Der sie liebt und ohne sie nicht leben kann, wird folglich seine Hoffnung allein auf ein wiedererstarktes, neu entstehendes ‚Geheimes Deutschland‘ richten.“

Dieser Reflex auf Claus Graf Schenck von Stauffenberg und den deutschen Widerstand gegen die Nazis kommt mir reichlich hochgestochen vor.

Aber hat Botho Strauß nicht recht mit seiner Aufforderung, uns auf uns selbst zu besinnen? Zu wissen, wer wir sind? Kennen wir unsere Literatur überhaupt? (Strauß zitiert Paul Valéry: „Die Dichtung hat die Aufgabe, die Sprache einer Nation in einigen vollendeten Anwendungen zu zeigen.“) Unsere Theologie? Unsere Philosophie? Uns?

Sprechen Sie mit den Menschen in Ihrer Umgebung!

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