Navid Kermani ist Orientalist und Schriftsteller. Er hat über die Ästhetik des Korans promoviert. Zum 65-jährigen Bestehen des Grundgesetzes war Kermani der Festredner im Bundestag und rühmte die Integrationskraft unserer Verfassung in einer bewegenden Rede. Im August ist sein neues Buch „Ungläubiges Staunen“ erschienen, der Versuch einer sinnlichen Annäherung an das Christentum. Alexander Cammann hat ihn für die „Zeit“ (20.8.15) interviewt.
Zeit: Sie bekommen im Oktober in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Ein anderer Preisträger, Jürgen Habermas, hat 2001 in seiner Dankesrede Religion als Ressource für unsere moderne Gesellschaft entdeckt, obwohl er selbst einräumt, „religiös unmusikalisch“ zu sein.
Kermani: Ich bewundere Habermas dafür, wie er über seine eigenen Grenzen hinausdenkt, dass er nicht verurteilt, was er nicht versteht, sondern ein Potential erkennt. Das ist im Sinne einer intellektuellen Moralität ein beeindruckender Weg. Dabei waren die Stammväter der Kritischen Theorie religiös ziemlich musikalisch, wenn Sie an Adorno, Horkheimer und Benjamin denken, die wiederum eng mit Scholem und Bloch in Kontakt standen und sich gut in der religiösen Tradition auskannten, besonders in der mystischen. Gerade in der geistigen Schule, aus der Habermas kommt, ist ein transzendentes Moment angelegt. Dennoch tut er nicht so wie manche Talkshow-Katholiken von heute, als wäre das urplötzlich seine eigene Sache.
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Zeit: Wo bleibt die Aufklärung? Nirgends taucht bei Ihnen das heilige Wort der Moderne auf.
Kermani: Natürlich will ich nicht hinter die Aufklärung zurück, meine intellektuellen Schlüsselerlebnisse verdanke ich dem Kanon der 68er, meine Bibel als junger Mensch war Adorno. Aber zur Aufklärung gehört genuin, sich ihrer Grenzen und Gefahren bewusst zu sein. Vernunft ist niemals blinde Verstandesgläubigkeit, sondern immer auch die Einsicht in die Grenzen des Verstandes.
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