In ihrem weltberühmten Buch „Eichmann in Jerusalem“ (1963, dt.: 1964) beurteilte
Hannah Arendt
die „Judenräte“ in deutschen Konzentrationslagern so, wie es vorher noch nie jemand gewagt hatte. Sie seien wegen ihrer Feigheit der Beihilfe an ihrer eigenen Ermordung schuldig. Wir wissen heute noch sehr genau, welche Empörung dies in der jüdischen Welt hervorgerufen hat. Einer der schärfsten Kritiker Arendts war der Kabbala-Forscher
Gerschom Scholem (als Gerhard Scholem in Berlin geboren),
der sich über „Eichmann in Jerusalem“ mit Arendt entzweite. In einer Person war sich Scholem aber mit Arendt einig, in der Verurteilung des „Judenältesten“ (ein Nazi-Wort) von Theresienstadt (Terezin)
Benjamin Murmelstein.
Über ihn schrieb Scholem an Arendt 1963: „Gewiss, Murmelstein verdient es, gehängt zu werden.“
Der Rabbiner Benjamin Murmelstein aus Wien ist inzwischen rehabilitiert worden. Und zwar von Claude Lanzmann. Für seinen Film „Shoah“ (1985) hatte er 1975 fünfzehn Stunden mit Murmelstein in Rom gedreht, dieses Material aber nicht für den berühmten Film verwandt. Nun hat er einen eigenen Film daraus gemacht:
„Der letzte der Ungerechten“,
in dem der Rabbiner ständig selbst zu Wort kommt. Der Film läuft auf eine Rehabilitation Murmelsteins hinaus. Er war im September 1944 zum „Judenältesten“ bestimmt worden. Theresienstadt war in gewisser Hinsicht ein Vorzeige-KZ, das z.B. dem Internationalen Roten Kreuz vorgeführt wurde. Dort haben die Nazis den Propaganda-Film „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ gedreht (zur Regie gezwungen: Kurt Gerron), der in Teilen heute noch erhalten und in der Kreisbildstelle Göttingen auszuleihen ist. Ich habe ihn in der politischen Bildung von Lehrern mehrfach eingesetzt.
Murmelstein hat sein Amt benutzt, um schlimmere Verbrechen, als ohnehin geschahen, zu verhindern. „Mir ging der Ruf voraus, dass ich ein Schreier war und autoritär.“ Alle Insassen wussten: „Im Osten ist alles noch viel schlimmer.“ Aber nicht alle wussten, dass „im Osten“ Vernichtung auf sie wartete. Murmelstein: „Ich musste mich unentbehrlich machen und in gewisser Weise mit dem Ghetto identifizieren.“ „Ich war kein Träumer, ich war der berechnende Realist.“
Murmelstein bewegte sich auf dem Feld der Lüge, er log um der Wahrheit willen, er trickste und feilschte und war renitent durch Anpassung. Vorher war er in Wien Leiter der Auswanderungsabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde gewesen. Dort hatte er 128.000 Juden zur Ausreise verholfen. „Ich gestehe, darüber Genugtuung zu empfinden.“ In Wien hatte er fast täglich mit Adolf Eichmann zu tun. „Eichmann war ein Sachverständiger für Auswanderung, aber gelernt hat er es bei mir.“ Hannah Arendts These von der
Banalität des Bösen
findet Murmelstein allerdings lächerlich. Eichmann sei ein korrupter, geldgieriger Erpresser gewesen, das komme bei Arendt gar nicht vor. „Eichmann war ein Dämon.“ Murmelstein kennt Scholems Forderung, ihn zu hängen durchaus. Zu Claude Lanzmann sagt er dazu: „Ein bisschen kapriziös ist der Herr mit dem Aufhängen, finden Sie nicht.“ (Thomas Assheuer, Die Zeit 7.5.15)