943: Fassbinder und Wenders, der Mini-Goethe

Rainer Werner Fassbinder (gestorben 1982) und Wim Wenders werden in diesem Jahr 70. Beide gelten als große deutsche Regisseure. Aber

Oskar Roehler,

der Erfolgsregisseur von „Die Unberrührbare“ und „Elementarteilchen“ (nach Michel Houllebecque), hat da eine andere Perspektive. Sie wird deutlich im Interview mit Willi Winkler (SZ 23./24./25.5.15), diesem verlässlichen Linken und Kenner der Münchener Szene(n) par excellence.

SZ: Wie reagieren Sie, wenn man Sie den neuen Fassbinder nennt?

Roehler: Ich bin weder homosexuell noch tot, bin also eindeutig nicht Fassbinder. Im Vergleich führe ich ein relativ langweiliges, bürgerliches Leben.

SZ: Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten.

Roehler: Ich liebe die Deutschen nicht, jede Form von Gemeinschaft ist ein Horror für mich, und ich zündele gerne ein bisschen, das schon. Aber ich habe nicht Fassbinders an die Arbeit gekoppelte Todessehnsucht, dieses Leben um jeden Preis.

SZ: Wie kommt Ihnen der deutsche Film sonst vor?

Roehler: Ist mir viel zu politisch korrekt. Fassbinder erlaubte sich eine ganz andere geistige Freiheit und hat damit auch künstlerisch viel mehr gewagt.

SZ: Der deutsche Film ist doch weltberühmt: Schlöndorfff, Herzog, Wenders …

Roehler: Ich weiß nicht, wofür Herr Wenders, dieser Miniatur-Goethe, so berühmt ist. Vielleicht fehlt mir einfach das Gen für diese gediegene Ästhetik, die einen immer noch mit der ‚Iphigenie‘ quälen muss. Ich habe mich bei seinen Spielfilmen immer nur grauenhaft gelangweilt. Mit einem Freund habe ich mal im Kino während der Vorstellung einen Wenders-Film wie einen Porno synchronisiert. Das war lustig.

SZ: Und sonst?

Roehler: Schauen Sie doch mal die Filmakademie an: Die werden alle mit Preisen überschüttet, dabei sind das doch alle Analphabeten. Keiner von denen liest je ein Gedicht. Die wissen nicht mal, wer Honoré de Balzac war.

SZ: Anders als Fassbinder.

Roehler: Fassbinder war ein unheimlicher Leser.

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