252: Rolf Dobelli versteht das Finanzsystem nicht.

Rolf Dobellis Buch „Die Kunst des klaren Denkens“ führt seit Monaten die Bestsellerlisten an. Endlich einmal jemand, der etwas gegen die „Querdenker“ tut, denen meistens das Wissen fehlt und die dann anfangen zu spekulieren.

Nun hat Dobelli im Interview mit Christine Meffert eingeräumt, dass sein Studium der Betriebswirtschaftslehre in St. Gallen der größte Fehler seines Lebens war und dass er das internationale Finanzsystem nicht versteht („Zeitmagazin“, 23.8.12).

ZM: .. haben Sie dort nicht eine gewisse Art zu denken gelernt?

D.: Nein, das Studium hatte damals nichts mit Denken zu tun, eher war es ein Wiedergeben von belanglosen Metaphern, was Wirtschaft ist.

Zwischenbemerkung W.S.: Das ist ja vermutlich auch heute noch so.

ZM: Ist die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften so schön, weil es da immer richtig oder falsch gibt?

D.: Bei Physik und Mathematik trifft das zu. Bei der Chemie fängt es schon an zu wackeln. Und jetzt interessieren mich Bereiche, wo es wirklich wackelt, wie etwa die Psychologie. Ein Thema, das mich extrem interessiert, ist die Frage: Gibt es so etwas wie eine vernünftige Ethik?

ZM: Was meinen Sie damit?

D.: Den uralten Traum der Menschheit, die Moral von der reinen Gefühlsebene abzulösen und ihr so etwas wie einen stabilen logischen, aber auch empirischen Boden zu geben. Da haben sich schon viele dran die Zähne ausgebissen. Aristoteles, Hume, Kant, Rawls. Erwarten Sie keinen Durchbruch von mir in dieser Frage, ich erwarte es auch nicht von mir – und doch interessiert mich das Thema.

ZM: In Ihren Texten verbinden Sie Erkenntnisse aus der Psychologie und Ökonomie mit Anekdoten, um die Leser vor Denkfehlern zu warnen. Wo sehen Sie die häufigsten Fehler?

D.: Der Vater aller Denkfehler ist der „Bestätigungsirrtum“. Wir alle haben Lieblingstheorien im Kopf – über den Euro, den Sinn des Lebens oder unseren Nachbarn. Unser Hirn filtert Informationen systematisch aus, die diesen Lieblingstheorien widersprechen. Das ist gefährlich.

ZM: Die meisten Menschen fürchten in der Euro-Krise um ihr Geld. Verstehen Sie das Finanzsystem?

D.: Nein. Wir verstehen die Wirtschaft nicht. Wir haben eine Welt geschaffen, die wir nicht mehr verstehen. Wir können ein paar Tricks anwenden, wie ich sie in meinen Büchern beschreibe. Aber unser Gehirn ist nicht dafür gemacht, das Finanzsystem vollständig zu erfassen. Unser Gehirn ist da, um möglichst viele eigene Gene in die nächste Generation zu katapultieren.

ZM: Es ist ziemlich schwer, gegen Gefühle anzudenken.

D.: Ja, Gefühle kann man nicht oder nur sehr schwer steuern. Abschalten können wir sie schon gar nicht. Aber mit Training können wir sie wenigstens ein bisschen kontrollieren.

ZM: Kann man sich glücklich denken?

D.: Nein, ob man glücklich ist, ist zu 90 Prozent Veranlagung. Ich bin von der Disposition her kein besonders glücklicher Mensch. Ich bin wahrscheinlich Durchschnitt. Aber ich kann zumindestens verhindern, dass ich dumme Fehler mache, die mich noch unglücklicher machen.

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