903: Die „Vereinbarkeitslüge“

Marc Brost und Heinrich Wefing, die beide als Journalisten bei der „Zeit“ arbeiten, haben ein Buch geschrieben:

Geht alles gar nicht. Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 2015, 240 S., 16,95 Euro.

Darin bestätigen sie, was wir ohnehin zumindest ahnen. Manche von uns wissen es. Dass es nämlich nicht möglich ist, Kinder, Karriere und ein befriedigendes Privatleben miteinander zu vereinbaren. Aber wir haben uns ja angewöhnt, so zu tun als ob, weil die Lebenslagen, in denen wir stecken, nun mal häufig nicht ideal sind. Wegen der vielen Scheidungen, die auch ein Zeichen für eine bewegliche Gesellschaft sind, verteidigen wir Patchwork-Familien, weil viele Kinder ein normales Gymnasium nicht schaffen, flüchten wir uns in integrierte Gesamtschulen, weil ein ordentliches Universitätsstudium nichts für alle ist, senken wir die Leistungsanforderungen. So pflegen wir unsere frommen Lebenslügen. Und nicht nur der OECD zuliebe.

Für unsere Gesellschaft ist das nicht unbedingt gut. Dort sind in der Firma, im Institut, in der Klinik die Männer beliebt, die zu 100 Prozent arbeiten. Sie brauchen ihre Zeit nicht mit Dokumentieren und Übergeben zu vertun, sondern können „alles“ geben. Wir müssen nur aufpassen, dass der Tatbestand, den Brost und Wefing herausarbeiten, nicht wieder dazu verwendet wird, Frauen das zuzumuten, in dem sie nur scheitern können, alles mit allem vereinbaren zu müssen, während die Herren der Schöpfung wegen der „Vereinbarkeitslüge“ ihre Privilegien ausbauen (Verena Mayer, SZ 21.4.15).

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