901: Die russische Krise

Wladimir Woinowitsch, 82, ist ein russischer Schriftsteller und Satiriker. 1980 verließ er die Sowjetunion. Heute lebt er in München. In der SZ-Außenansicht schreibt er am 24.3.15 über die russische Gesellschaft:

„Die russische Gesellschaft befindet sich im kalten Bürgerkrieg, aufgeheizt durch die Übernahme der Krim und den Krieg im Donbass. Der Konflikt zwischen dem Regime, seinen Anhängern und seinen Kritikern hat sich verschärft. Die Atmosphäre des Hasses spitzt sich zu. Im russischen Fernsehen laufen praktisch täglich zur Primetime Polit-Talkshows, an denen fast immer die gleichen berühmt berüchtigten Politiker, Abgeordneten, Journalisten, Schriftsteller und Regisseure teilnehmen, die Putin, sein Regime und die Donezker und Luhansker Separatisten in den Himmel loben und die USA, Europa, die ukrainische ‚Junta‘ und die inländische Opposition verteufeln. In dieser Atmosphäre fürchten viele Regimekritiker um ihr Leben und, wie der Mord an Boris Nemzow gezeigt hat, zu Recht.

Das heutige Regime ist dem sowjetischen sehr ähnlich, aber es gibt einen entscheidenden Unterschied. Die Sowjetunion brachte Dissidenten meist ins Gefängnis und erzeugte auf diese Weise Aufruhr im Ausland. Auch jetzt kommen Kritiker ins Gefängnis, aber dort handelt es sich meistens um wenig bekannte (Michail Chodorkowski war eine Ausnahme). Die Bekannten müssen damit rechnen, umgebracht zu werden. Bei einem Mord kann man immer irgendeinen beliebigen Täter mit anderen Motiven verdächtigen. So war es im Fall von Boris Nemzow. …

Russland befindet sich in seiner tiefsten politischen Krise. Das Land könnte nur durch einen friedlichen Machtwechsel mit regelmäßigen, offenen und fairen Wahlen gerettet werden. Aber ich glaube, dass das nicht passieren wird. Weder Regierung noch Volk sind zu einem Wechsel in der Lage. Daher fürchte ich, dass Russland alle diese Widersprüche, die das Land zerreißen, nicht aushalten und am Ende vom gleichen Schicksal wie die Sowjetunion ereilt werden wird. Es wird zerfallen.“

 

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