Till Briegleb beschäftigt sich in der SZ (18.5.12, www.sz.de/documenta) mit der Künstlerliste der 13. Documenta in Kassel, die am 9. Juni für hundert Tage ihre Tore öffnet. Carolyn Christov-Bakargiev, die Documenta-Leiterin, hatte immer wieder betont, ein Konzept habe sie nicht, sie interessiere sich aber für alles.
Nun sind doch vier Schwerpunkte erkennbar:
Politik,
Feminismus,
Archäologie und
Weltwissen.
Es gibt erstaunlich starke nationale Präferenzen. Ein starkes Drittel der Künstler stammt aus den USA, woher die Documenta-Leiterin kommt. Sie hat offenbar auch ihre starken Netzwerke in Italien und Australien spielen lassen. Viele genannte Künstler sind allerdings noch recht unbekannt. Einige regionale Schwerpunkte scheinen unter dem Gesichtspunkt der politischen Konfliktgeschichte gebildet worden zu sein. So haben sechzehn Künstler Wurzeln im arabisch-israelischen Raum. Gewalt und gebrochene nationale Identitäten kommen häufig vor. „Die Bilder Vann Naths aus Pol Pots Foltergefängnis S-21 werden ebenso zu sehen sein wie kriegszerstörte Objekte aus dem Beiruter Nationalmuseum, mehrere Arbeiten beschäftigen sich mit Afghanistan, Pakistan oder Indien. Vor allem aber bietet Christov-Bakargiev der Aktivisten-Kunst eine breite Plattform.“
Hoch im Kurs als Auswahlkriterium steht offenbar auch der Feminismus. Im Feld der künstlerischen Archäologie finden wir als Themen etwa Avantgarden, Burlesque-Tanz oder okkulte Praktiken. Geplant ist die Auseinandersetzung mit vielen Künstkern des 20. Jahrhunderts, von denen viele schon tot sind. Man Ray, Lee Miller, Salvador Dali. Der Computer-Erfinder Konrad Zuse ist zur Documenta-Vernissage eingeladen. Es stehen zudem lebende Wissenschaftler auf der Künstler-Liste. Auf dem Gebiet des Weltwissens sollen anscheinend die Grenzen von Kunst und Wissenschaft ausgelotet werden.
Insgesamt vermutlich ein recht buntes Angebot, aus dem wir Besucher unsere eigene Betrachtungsstruktur entwickeln. Für Till Briegleb muss die starke Gewichtung auf noch ziemlich unbekannte Künstler kein Makel sein. „Die Praxis wird die Tauglichkeit erweisen. Was diese Künstlerliste – auf der die angekündigten Schriftsteller fehlen – vorab verspricht, ist eine große Überforderung. Das muss nicht unbedingt schlecht sein. Zumindestens wenn Anstrengung die Erholung ist, die man in der Kunst sucht.“