Angesichts der Debatten über die Sterbehilfe und das Einfrieren von Eizellen macht sich Hanno Rauterberg („Die Zeit“ 6.11.14) Gedanken über den Menschen in der Moderne. Trotz des etwas klobigen Themas kommt er zu drei plausiblen Thesen. Der moderne Mensch sei
– gekränkt,
– überfordert
– und er löse sich selber auf.
Einige Kränkungen des Menschen sind seit langem bekannt. Nikolaus Kopernikus (1473-1543) hat uns gezeigt, dass die Erde nicht der Mittelpunkt der Welt ist. Charles Darwin (1809-1882) legte dar, dass der Mensch nicht die Krone der Schöpfung ist, sondern ein Glied in der Evolution. Und Sigmund Freud (1856-1939) belegte, dass der Mensch nicht Herr im eigenen Hause ist, sondern von seinem Unbewussten gesteuert wird. Später machte Elias Canetti (1905-1994) die Lage schwieriger, weil der den Tod als einen Skandal ansah (wo er Recht hat, hat er Recht.) Und heute verkünden die Anhänger der Sterbehilfe: „Mein Tod gehört mir.“ Dazu kommt die Tatsache, dass der Mensch überhaupt nicht entscheiden kann, ob er überhaupt da sein will. Dass er geboren wird, liegt nicht in seiner Macht.
Überforderung: „Heute gilt so gut wie nichts mehr als gegeben, ein jeder ist angehalten, zu wählen, was das Beste für ihn sei: welcher Handytarif, welche Schulform, welche Zahnzusatzversicherung, welche Form der Vorgeburtsdiagnostik, welches Girokonto, welche Sterbensart. Je mehr der Mensch aber gezwungen ist, alles selbst zu regeln, desto leichter wird er zum Opfer des eigenen Regelzwangs. … Er ist der Meister seines Glücks und zugleich dessen Opfer.“
Schließlich halten manche Gehirnforscher das „Ich“ für reine Einbildung. Auch gäbe es gar keinen „freien Willen“. Und die Internet-Konzerne treiben die Schizophrenie der Gegenwart voran. Sie suggerieren dem Individuum, es verfüge über die Macht des unbegrenzten Zugriffs, ohne seinen gemütlichen Stammplatz im Café (oder anderswo) je zu verlassen. Dann wähnt sich das Individuum als Herrscher und wird doch von dem Gefühl beherrscht, ferne Mächte beobachteten es und spionierten es aus. Das Individuum träumt von der Allverfügbarkeit und wird damit selbst verfügbar. Und die Tatsache, dass im Tod alle gleich sind, empfinden einige wieder als Kränkung.