Helmut Müller-Enbergs ist seit 1992 in der Forschungsabteilung der Stasi-Unterlagen-Behörde und lehrt seit 2008 Spionagegeschichte an der Universität Odense in Dänemark. Er gilt als sehr gut informiert und meinungsfreudig, was ihm Ärger mit seinen Vorgesetzten einbrachte. Im „Zeit“-Interview mit Stephan Lebert und Thoralf Staudt (16.10.14) spricht er zunächst über die Erfolge der Stasi und die Zersetzung der DDR-Opposition durch Agenten wie Ibrahim Böhme (in der SPD) und Wolfgang Schnur (in der CDU). Er benennt die erfolgreichsten Stasi-Agenten
Rainer Rupp,
Gabriele Gast,
Rudolf Maerker und
Hans-Adolf Kanter.
Dann schildert Müller-Enbergs, wie zufällig der Stasi-IM Karl-Heinz Kurras enttarnt wurde, der Mann, der am 2.6.1967 Benno Ohnesorg erschoss, was der außerparlamentarischen Opposition in der Bundesrepublik ungeheuren Auftrieb gab.
Zeit: Herr Müller-Enbergs, 2009 enthüllten Sie, dass Karl-Heinz Kurras Stasi-IM war, jener West-Berliner Polizist, der 1967 Benno Ohnesorg erschoss, was ein Auslöser für die Studentenbewegung war. Hatten Sie ihn gezielt überprüft?
Müller-Enbergs: Nein. Eine Kollegin, Cornelia Jabs, stieß im Zuge einer Recherche nach Mauertoten auf die Kurras-Akte, die seit Jahren in der Behörde bekannt war. Ein paar Wochen später, sie hatte die 17 Aktenbände bereits wieder ins Archiv zurückgegeben, rauchten wir zusammen vor der Tür. Beiläufig fragte sie, ob mir der Name Karl-Heinz Kurras etwas sage. Natürlich, sagte ich. Sie: „Der war Mitglied der SED.“ Die Zigarette rutschte mir weg. Auf mein Bitten ließ sie die Akten nochmals aus dem Archiv holen, und aus dem Band 17, falsch herum gehalten, fiel tatsächlich das Parteibuch von Karl-Heinz Kurras heraus, mit Beitragsmarken bis Dezember 1966. Wenige Seiten weiter war auch eine Verpflichtungserklärung aus dem Jahr 1955 eingeheftet. Das war Beweis genug. Dann stellte sich natürlich die Frage: War der Schuss auf Ohnesorg ein Auftragsmord?
Zeit: Und?
Müller-Enbergs: Dafür fanden wir keine Indizien. …