714: Aufgeklärter Protestantismus

Während sich der offizielle Protestantismus bemüht, den – mit unseren gegenwärtigen Ohren gehört – wüsten Antisemitismus Martin Luthers zu verarbeiten, ist es m.E. durchaus angebracht, dass wir uns des aufgeklärten Protestantismus erinnern und vergewissern. Denn dieser stellt das Element dar, das den Protestantismus wesentlich von anderen Religionen unterscheidet. Einer der hervorstechenden Vertreter dieses aufgeklärten Protestantismus ist

Johann Joachim Spalding.

Der 1714 in Vorpommern geborene Spalding war ein Gesprächspartner Moses Mendelssohns und spielte im Berlin zur Zeit Friedrichs II., des Großen, eine hervorragende Rolle (Johann Hinrich Claussen, SZ 28.10.14). Der Kirchenhistoriker Albrecht Beutel hat ihm eine Biografie gewidmet:

Johann Joachim Spalding. Meister-Theologe im Zeitalter der Aufklärung. Tübingen (Mohr & Siebeck) 2014, 319 S., 24 Euro.

Darin erscheint Spalding als ein Vertreter der Aufklärung. Dies kann gar nicht genug unterstrichen werden. Spalding hatte sich an den Aufklärungsschriften des Earls of Shaftesbury geschult, die er ins Deutsche übersetzte. Danach ist die christliche Religion als eine Kraft zu verstehen, die der menschlichen Natur nicht feindlich gegenübersteht, sondern diese in ihrer Stärke und Schönheit anerkennt, sie zugleich aber zu einer höheren Harmonie emporbildet.

1748 erschien Spaldings Schrift

„Die Bestimmung des Menschen“

Demnach können wir Menschen unser Glück auf Erden finden, mit uns im Reinen sein und Gott zum Freund haben. 1764 wurde Spalding Propst an der Berliner St.-Nikolai-Kirche und Konsistorialrat. Zu jener Zeit war Berlin die Hauptstadt einer ebenso toleranten wie lebendigen Religionskultur. Johann Joachim Spalding wirkte vor allem als Prediger und Publizist. Immanuel Kant bewundert ihn.

1772 erschien

„Über die Nutzbarkeit des Predigtamtes und deren Beförderung“,

1797

„Religion, eine Angelegenheit des Menschen“.

Friedrich Schleiermacher verstand sich als Spaldings Nachfolger. Seine Reden „Über die Religion“ lassen sich als Wiedergeburt von dessen „Bestimmung des Menschen“ lesen.

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