Jaron Lanier, der Internet-Pionier, hat den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen. Mara Delius hat ihn für die „Welt“ interviewt (11.10.14).
Lanier: Es gibt eine neue Religion in Silicon Valley: Sie besagt, wenn unsere Technologie nur fortschrittlich genug ist, bringt sie uns auch Unsterblichkeit. Das ist gar nicht ein Nischenphänomen, das von einer Handvoll Freaks verkörpert wird, sondern wirklich im Mainstream sichtbar: im Verlangen nach beständiger Selbstoptimierung oder auch in Googles verstärktem Investieren in Firmen, die an Lebensverlängerungsmaßnahmen arbeiten. Im Silicon Valley wird Computertechnologie wie eine Religion behandelt – es ist fast wie in der katholischen Kirche; es gibt eigene Rituale, Bischöfe und, natürlich, Inquisitionen. Diese Haltung ist genau so menschlich wie altertümlich.
Welt: Erklären Sie, wie diese Religiosität ausgerechnet zwischen der Rationalität von Computern entstehen konnte. Und wieso ist sie für Sie katholisch besetzt und nicht protestantisch oder anglikanisch?
Lanier: Für diese Art von Religiosität gibt es einen ganz speziellen Grund und der liegt in der Lebensgeschichte von Alan Turing, in der Geschichte, wie er als homosexueller Computerpionier den Enigma-Code knackte und gefoltert wurde und sich schließlich umbrachte. Turing hat das intellektuelle Konzept von künstlicher Intelligenz erfunden. Er hat, denke ich, versucht, eine Welt zu erschaffen, die jenseits der Probleme von Identität, Sexualität, Beurteiltwerden durch andere liegt. Er wollte eine reine, eine platonische Art des Seins schaffen. Wenn man seine Aufzeichnungen liest, versteht man den kulturphilosophischen Hintergrund von künstlicher Intelligenz.
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