Wohl einer der klügsten Politikwissenschaftler in Deutschland ist Herfried Münkler (geb. 1951). Er unterstützt Joachim Gauck (SZ 6./7.9.14):
„Das Ritual aufgesprengt
Die Formel, dass wir, die Deutschen, ‚aus der Geschichte gelernt hätten‘, gehört zum Grundvokabular des politisch-kulturellen Selbstverständnisses – zu dem der alten Bundesrepublik ebenso wie zu dem der ehemaligen DDR, auch im wiedervereinigten Deutschland darf in Festansprachen diese Versicherung nicht fehlen. Insofern hat Bundespräsident Gauck in seiner Rede nur dem politischen Ritual genügt. Aber er hat es gleichzeitig aufgesprengt, indem er das Lernen aus der Geschichte konkretisiert hat: dahin gehend, dass das Verschieben von Grenzen nicht den Frieden sichere, sondern nur neue Begehrlichkeiten zur Folge habe. Dieser Satz ist uneingeschränkt wahr, sofern er auf die Deutschen bezogen wird. Gauck hat ihn aber nicht auf die Deutschen, sondern auf die russische politisch-militärische Elite bezogen.
Ist der Satz darum falsch geworden? Sind andere politische Akteure vom Lernen aus der Geschichte freigestellt? Oder handelt es sich bei der Redewendung nur um eine Leerformel, die man verwenden muss, aber nicht konkretisieren darf?
Jenseits der Frage, ob die in Gaucks Rede hergestellte Parallele zwischen 1938 und 2014 zutreffend oder zumindestens aufklärend ist, ist mit der Debatte über historische Parallelen auch die deutsche Selbstversicherung, man habe ‚aus der Geschichte gelernt‘, zur Disposition gestellt: nicht durch Gauck, sondern durch seine Kritiker. Wenn man nämlich nicht sagen darf, was man gelernt hat, oder das Gelernte nur für die Deutschen, sonst aber für niemanden gilt, dann hat man tatsächlich nichts gelernt.“