635: H. A. Winkler kritisiert den Nationalpazifismus.

Heinrich August Winkler hat als Historiker in Freiburg im Breisgau und Berlin geforscht und gelehrt. Am bekanntesten ist der Emeritus geworden durch sein 2000 erschienenes Werk „Der lange Weg nach Westen“. Der Sozialdemokrat Winkler setzt sich für eine feste Bindung Deutschlands an den Westen (NATO, EU etc.) ein. In der „Außenansicht“ der SZ (14.7.14) kritisiert Winkler die Reaktion von 67 ostdeutschen Pfarrern auf Bundespräsident Gaucks Votum, dass als ultima ratio, als letztes Mittel der Politik, auch der Einsatz von militärischen Mitteln in Frage kommen kann.

Der Bundespräsident befindet sich im Einklang mit dem Weltgipfel der Vereinten Nationen (UN) von 2005. Unter dem Stichwort „Responsibility to Protect“ hat er beschlossen, dass es jedem Staat obliegt, die eigene Bevölkerung vor Massenverbrechen zu schützen. Ansonsten müsse die „internationale Gemeinschaft“ Zwangsmaßnahmen ergreifen. Gemeint sind Einsätze gegen

– Völkermord,

– Kriegsverbrechen,

– ethnische Säuberungen und

– Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Der Genozid von 1994 in Ruanda, in dem etwa 800.000 Menschen ermordet worden sind, war ein solches Massenverbrechen, bei dem nicht interveniert worden ist.

„Würde Deutschland sich gegen dieses Prinzip („Responsibility to Protect“) aussprechen, wie das in der Logik des Briefes der ostdeutschen Pfarrer liegt, käme das einer Abwendung von den Vereinten Nationen und von seinen Bündnispartnern gleich. Von den letzteren würde sich Deutschland auch lossagen, wenn es die Frage provoziert, ob es im Ernstfall am Artikel 5 des NATO-Vertrags festhalten würde, demzufolge ein Angriff auf ein Mitgliedsland ein Angriff auf alle Mitglieder der Allianz ist. Manche deutsche Einlassung zur Ukraine-Krise ist durchaus dazu angetan, Zweifel an der Bündnistreue aufkommen zu lassen – vor allem bei den unmittelbar betroffenen ostmitteleuropäischen Nachbarn, obenan den Polen und den baltischen Republiken.“

Winkler arbeitet heraus, dass der Höhepunkt der deutschen Auflehnung gegen den Westen die Herrschaft des Nationalsozialismus war.

„Was die ostdeutschen Pfarrer und ihre westdeutschen Unterstützer, unter ihnen Margot Käßmann, wissentlich oder unwissentlich infrage stellen, ist nichts geringeres als die Westbindung Deutschlands mitsamt den daraus resultierenden Verpflichtungen. So sehr sie sich von ihren obrigkeitshörigen Amtsvorgängern in der Zeit vor 1945 abheben, so sehr sie sich selbst als Demokraten fühlen, so fremd ist ihnen der westliche Werte-Universalismus geblieben, an seiner Spitze der Gedanke der allgemein gültigen Menschenrechte. Ihr fundamentalistischer Protest gegen Gaucks Thesen von der internationalen Verantwortung Deutschlands trägt in seinem Innerlichkeitspathos sehr deutsche Züge und macht sie den national gesinnten Pastoren der wilhelminischen Zeit ähnlicher, als ihnen bewusst ist. Die protestierenden Pfarrer sehen die Verantwortung Deutschlands darin, die christliche Friedensbotschaft in alle Welt zu tragen. Von politischer Freiheit und Menschenrechten ist dabei nicht die Rede.“

Was bringt eigentlich die Mitgliedschaft in einer Kirche, in der Nationalpazifisten Meinungsführer sind?

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