619: Luther und wir – ein Abgrund ?

Der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann nimmt nochmals (vgl. hier 584 „Luther-Ideologie?“) Anstoß an dem vom Rat der EKD vorgelegten „Grundlagentext“ zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation (SZ 1.7.14).

Rechtfertigung und Freiheit. 500 Jahre Reformation 2017. Ein Grundlagentext des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Gütersloh 2014, 112 S., 6,99 Euro.

Kaufmann bezieht sich zunächst auf Friedrich Nietzsches drei Begriffe der Geschichtsbetrachtung,

den archivalischen,

den monumentalistischen und

den kritischen,

die Nietzsche in seiner weltberühmten Schrift „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ (1874) entwickelt hat, in der er uns vom Ballast der Geschichte befreien will (sehr lesenswert!).

„Die erste (Geschichtsbetrachtung, W.S.) zielt auf positivistisches Sammeln, wahllose Faktenhuberei; die zweite will das Vergangene in ihrer Geltung für die Gegenwart beschwören und diese so legitimieren. Die kritische Geschichtsbetrachtung markiert die Differenz zwischen dem Hier und Heute und der Vergangenheit, auch und vor allem, um sich vor der lebensfeindlichen Übermacht der Geschichte zu befreien.“

„Dass sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) angesichts des 2017 bevorstehenden Reformationsjubiläums, dessen Vorbereitungen nun in die entscheidende Phase treten, in die Tradition der monumentalistischen Geschichtsbetrachtung hineinstellen würde, kann im Prinzip nicht verwundern. Denn immerhin waren es die Protestanten, die das Erfolgsformat ‚Jubiläum‘ im neuzeitlichen Sinne erfunden haben – aus Anlass der Jahrhundertfeier der Reformation im Jahre 1617!“

„Indem man die Reformation zum ‚religiösen Ereignis‘ stilisiert, das noch heute religiöse Orientierung zu vermitteln vermag, redogmatisiert man das Reformationsverständnis. Indem man eine ‚Lerngeschichte‘ konstruiert, behauptet man Kontinuitäten, wo Spannungen und Brüche bestehen, richtet man sich behaglich ein in einer bis heute fortgehenden Teleologie, die all das Gute, Wahre und Schöne der Moderne an die Reformation anzuschließen und für diese zu reklamieren erlaubt. Indem man die nicht-religiösen Aspekte der Reformation systematisch ausklammert, will man die eigene religiöse Position attraktiv machen. Bei alledem erspart man sich die Einsicht, welche Abgründe zwischen uns und etwa Luther klaffen und dass der Protestantismus tiefgreifende Transformationen durchlaufen hat. Wer so redet, wer sich der bitteren Pflicht der Historisierung und ihrer Folgen auf so seicht-frömmelnde Weise entziehen zu können meint, darf sich nicht wundern, dass ihm die Pfeiffers dieser Welt den ‚Judenfeind Luther‘ vorhalten. Mit diesem unsachgemäßen Dokument kann die EKD auch bei einer gutwilligen Öffentlichkeit unseres säkularen Gemeinwesens, das durch seine politischen Repräsentanten viel Geld für das Jubiläum auszugeben bereit ist, nur Befremden ernten. Aus dem Kreis derer, die zum öffentlichen Jubiläum etwas beizutragen haben, hat man sich herauskatapultiert. Schade.“

 

 

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