572: Brausepulver: Günter Grass mag die Presse, die Literaturkritik und Josef Joffe nicht.

Bei Günter Grass hatte ich in der letzten Zeit meist den Eindruck, er fühle sich von der deutschen Öffentlichkeit nicht verstanden. Christof Siemes hat ihn für die „Zeit“ interviewt (8.5.14).

Zeit: Und was ist mit den Autoren und Lesern? Sind auch die noch bereit für das Schwierige?

Grass: Stoff und Anlass, ein verquerliegendes Buch zu schreiben, gibt es genug. Ob es genug Autoren gibt, die sich eine solche Durststrecke des Schreibens zutrauen, weiß ich nicht. Mir fällt auf, dass es wenige Autoren gibt, die überhaupt die Vorarbeit der klassischen Moderne,

Joyce,

dos Passos,

Döblin,

zur Kenntnis nehmen. Viele können wunderbar schreiben, gehen mittlerweile auch auf Schreibschulen. Aber sie schreiben, wie vor Fontane.

Zeit: Haben Sie es als Belastung für alle weiteren Bücher empfunden, dass Ihr Erstling gleich ein Welterfolg war?

Grass: Den Erfolg habe ich mit Erstaunen, auch mit Freude zur Kenntnis genommen – ich war zum ersten Mal finanziell unabhängig, was für einen Autor sehr viel bedeutet. Aber der Schreibprozess hörte ja nach der ‚Blechtrommel‘ nicht auf. Zudem stellte sich nach kurzer Zeit heraus, dass Ruhm, zumindestens in Deutschland, eine langweilige Sache ist. Hilft nicht bei der Arbeit, wiederholt sich, schafft Neider, falsche Freunde.

Zeit: Die zum Teil heftigen öffentlichen Reaktionen haben Sie nie in Selbstzweifel gestürzt?

Grass: Sie haben mich nicht am Weiterschreiben gehindert, aber sie haben mich in zunehmendem Maße verletzt. Autoren sind empfindsame Menschen, sonst könnten sie nicht schreiben. Der Unterschied zu heute ist, dass ich bei den Rezensenten, die mich damals verrissen haben, aus den Texten absehen konnte, dass sie meine Bücher gelesen hatten. Das ist heute nicht mehr die Regel.

Zeit: Spiegelt die Presse nicht einfach nur ein öffentliches Bedürfnis wider?

Grass: Die Presse maßt sich an, selber Politik machen zu wollen. Es genügt ihr nicht mehr zu recherchieren, Bericht zu geben, den Leser möglichst genau zu informieren über Dinge, die aus politischen Gründen verschwiegen werden.

Zeit: Aber sind die medialen Mechanismen nicht immer so gewesen?

Grass: Sehen Sie sich an, was aus Ihrer Zeitung geworden ist. Die ZEIT war für mich ein wunderbares Beispiel dafür, wie man im schizoiden Zustand, dennoch einen gute Zeitung machen kann – mit einem linksliberalen Politikteil, einem literarisch aufmüpfigen Feuilleton und einem grundkapitalistischen Wirtschaftsressort. Darüber habe ich schon in den ‚Hundejahren‘ geschrieben. Aber der Joffe-Ton ist mittlerweile in allen Abteilungen drin. Das müssen Sie doch merken! Oder verliert man in diesem Berufsstand die Empfindsamkeit dafür?

Zeit: In den ‚Hundejahren‘ ist einmal von den ‚heilig-lächerlichen Momenten der Inspiration‘ die Rede. Wie sehen die bei Ihnen aus?

Grass: 1958 bin ich zum Beispiel für letzte Recherchen zur ‚Blechtrommel‘ nach Danzig gefahren. Als ich damit fertig war, habe ich die Straßenbahn genommen, die immer noch zu dem Fischerdorf Brösen fuhr, meinem Badeort als Kind. Die Badeanstalt stand noch, der Eingang zugenagelt, genau wie der Kiosk daneben. Und als ich diesen Kiosk sah, fiel mir Brausepulver ein, das ich dort als Kind gekauft hatte. Das war so ein Moment wie ein Musenkuss: daraus ist das ‚Blechtrommel‘-Kapitel ‚Brausepulver‘ geworden. …

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