„Dann wurde mir klar, dass ich, wenn ich Englisch sprach, in einer anderen Welt lebte, als wenn ich Deutsch sprach.“ (Ernst von Glasersfeld)
Dieses Zitat des Konstruktivisten Ernst von Glasersfeld steht vorne in meinem Blog. Und ich halte mich daran.
Der Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant macht in einem Interview mit Ralph Bollmann (FAS 11.5.14) auf einige Gefahren der Dominanz des Englischen auf der Welt aufmerksam.
FAS: Ist eine Firma, die Englisch als Umgangssprache einführt, noch dieselbe wie früher?
Trabant: Natürlich ändern sich damit das ganze Denken und das ganze Verhalten. Solange es um normierte Abläufe geht, ist das nicht gravierend. Aber zumindest die Führungskräfte übernehmen mit der Sprache auch einen ganzen Lebensstil. Sie schicken ihre Kinder auf eine englischsprachige Kita, Schule, Universität. Da muss sich eine Gesellschaft die Frage stellen, ob sie ihre ökonomischen Eliten einfach auswandern lässt. Es ist schon ein Problem, wenn sich eine ganze Gruppe von Menschen in eine andere sprachliche und kulturelle Welt flüchtet – wie die Aristokratie des 18. Jahrhunderts ins Französische.
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FAS: Muss die gemeinsame Sprache das Englische sein?
Trabant: Mir als Romanisten wäre natürlich das Französische lieber gewesen. Ich war damals auf der Seite von Charles de Gaulle, der sich auch deswegen gegen die Aufnahme Großbritanniens gestemmt hat. Er hat genau gesehen: Wenn England nicht dabei wäre, hätten wir heute Französisch als Sprache Europas.
FAS: Und das Deutsche?
Trabant: Es war vielleicht ganz weise, nicht auf unserer Sprache zu bestehen. Nach dem Krieg gab es so etwas wie eine deutsche Sprach-Scham. Wir wollten im Ausland nicht die Sprache benutzen, in der kurz zuvor so schrecklich gebrüllt wurde. Auch heute ist die Zurückhaltung ein Gebot der politischen Klugheit, wir sind nun mal das große Land in der Mitte Europas. Im eigenen Land könnten wir allerdings die Schönheit unserer Sprache mehr betonen.
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FAS: Viele Amerikaner fordern auch in Europa ganz selbstverständlich ein, dass man Englisch mit ihnen spricht.
Trabant: Fremdsprachen sind an den öffentlichen Schulen in Amerika und England so gut wie abgeschafft. Sie haben mit ihrer Sprache gesiegt und glauben, sie kommen damit durch. Dieser sprachliche Provinzialismus gefährdet das Denken. Als die Amerikaner aus dem Irak abzogen, sagte Präsident George W. Bush: Dann schicken wir die Übersetzer nach Afghanistan. Er wusste offensichtlich nicht, dass in Afghanistan kein Arabisch gesprochen wird! So etwas hat natürlich politische Folgen. Für die Vorherrschaft der Amerikaner in der Welt wäre es besser, wenn sie den Umgang mit dem anderen lernten.
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FAS: Wenn es stimmt, dass man sich durch Sprachenlernen besser in andere Kulturen hineinversetzen kann: Dann wäre das doch für die Amerikaner ein großes Handikap?
Trabant: So ist es ja auch. Der deutsche Exporterfolg hat auch damit zu tun, dass wir uns ganz gut auf die anderen einstellen können. Der schwäbische Mittelständler schickt nach Polen eben einen Mitarbeiter, der auch Polnisch spricht oder sich zumindest darum bemüht. Die Amerikaner wissen oft gar nicht, was es heißt, in anderen Sprachen zu kommunizieren. Sie nehmen keine Rücksicht und reden drauflos, als seien sie in Tennessee. Unter meinen Studenten waren sie die Einzigen, die man nicht verstehen konnte.
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FAS: Gibt es positive Vorbilder?
Trabant: Das alte Österreich hat eine sehr kluge Sprachpolitik gemacht. Die habsburgischen Beamten mussten mindestens drei Sprachen können. Wer nach Ruthenien versetzt wurde, der musste eben Ruthenisch lernen. Heute rate ich: Jeder Europäer sollte neben seiner Muttersprache und dem Englischen mindestens noch eine dritte Sprache lernen.
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