534: Familie Benjamin

In der Nacht vom 26. auf den 27. September 1940 nahm sich Walter Benjamin das Leben, als er nicht mehr damit rechnete, dass seine Flucht über die Pyrenäen erfolgreich sein könnte. Sein Bruder Georg, ein Arzt, endete 1942 in Mauthausen im Starkstromzaun. Seine Cousine, die Dichterin Gertrud Kolmar (eigentlich Chodziesner), wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Diese Schicksalsschläge verarbeitet

Uwe-Karsten Heye

in seinem Buch „Die Benjamins. Eine deutsche Familie.“ Berlin (Aufbau) 2014, 361 S., 22,99 Euro (Lorenz Jäger, FAZ 8.3.14).

Die Familie Benjamin wird häufig als ein Begabungspoool gesehen, stark gefährdet, keine Normalverbraucher. Zu nennen sind hier auch noch Walters und Georgs Schwester Dora, die sich in der Sozialfürsorge in der Weimarer Republik auszeichnete, und Georgs Frau Hilde, die spätere Justizministerin der DDR, bekannt unter ihrem Schimpfnamen die „rote Hilde“.

Walter Benjamin war ein Theoretiker der undogmatischen Linken und Ideengeber von 1968. Sprichwörtlich seine Auseinandersetzungen mit dem Zionisten Gershom (Gerhard) Scholem und der kritischen Theorie, hier in erster Linie mit Theodor W. Adorno. Die Vertreter der kritischen Theorie hatten von den USA aus nicht immer das richtige Verständnis für den unabhängigen Kopf Walter Benjamin, der in Europa geblieben war. Die Geschichte seiner gescheiterten Habilitation verweist auf die übliche akademische Korruption. Aber etwa seine Schrift „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (1936) zeigt Walter Benjamin als gelehrten Medientheoretiker.

Heye, 1998 bis 2002 Regierungssprecher unter Gerhard Schröder, sucht in seinem Buch nach den Zusammenhängen in der Familie Benjamin. Georg Benjamin etwa hat sich theoretisch und praktisch für das Recht auf Abtreibung eingesetzt. Seine Frau Hilde hat das DDR-Recht mitgeprägt. 1952 formulierte sie: „Das Durchschnittsbild der Frau muss das der berufstätigen Frau sein.“ In vielen politischen Schauprozessen trat sie als gnadenlose Anklägerin auf. Aber 1977 widmete sie ihrem Mann eine empfindsame Lebensbeschreibung.

Von Gertrud Kolmar stammt u.a. das Gedicht „Bildnis Robespierres“, von dem wir uns fragen, ob Hilde Benjamin es gekannt (und beherzigt) hat. Darin die Zeilen: „Gern hielt er Blumen in der Hand/ Gern durchschritt er abendliche Gärten,/ Sprach gemessen, freundlich, ohne Härten/ Zu den Kindern, die am Weg er fand.// Er war gut. Mit leisem, sichrem Fang./ Und die Feinde raunten: Tigerkatze,/ Und verspürten schreckhaft eine Tatze,/Wenn das Fallbeil schütternd niederklang.“ Lorenz Jäger stellt sich Hilde Benjamin als weibliche Version des großen Gerechtigkeitsterroristen Robespierre vor.

In seiner zwölften These „Über den Begriff der Geschichte“ schreibt Walter Benjamin: „Das Subjekt historischer Erkenntnis ist die kämpfende, unterdrückte Klasse selbst. Bei Marx tritt sie als die letzte geknechtete, als die rächende Klasse auf, die das Werk der Befreiung im Namen von Generationen Geschlagener zu Ende führt. Diese Bewusstsein, das für kurze Zeit im ‚Spartacus‘ noch einmal zur Geltung gekommen ist, war der Sozialdemokratie von jeher anstößig.“ Da haben wir es: der gemeinsame Nenner der Benjamins war der Hass auf die deutsche Sozialdemokratie, sie waren eben Kommunisten, die im Zweifelsfall auch so agierten wie Hilde Benjamin.

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