Mit Erich Fried hatte ich immer Schwierigkeiten. Die waren aber nicht literarischer, sondern politischer Art. Etwa darin, dass er sich bemüht hatte, mit dem Neonazi Michael Kühnen (1955-1991) Freundschaft zu schließen. Oder dass er Israel einmal das Existenzrecht absprach. Das Werk des 1921 in Wien geborenen Österreichers ist für mich gekennzeichnet durch Wortspiele, ironische Figuren und eine plakative politische Didaktik. Und Liebesgedichte. 1938 musste er aus Österreich nach London fliehen. Sein Vater Hugo Fried war dort gerade an den Misshandlungen durch die Gestapo gestorben. Seine Großmutter wurde in Auschwitz ermordet. Erich Fried kam nie aus London zurück. Er starb dort 1988 an Krebs.
In seinem Nachruf unter dem Titel „Ein deutscher Dichter“ zählte Marcel Reich-Ranicki Fried zu den „bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern nach 1945“. 1966 war Frieds erster politischer Gedichtband „und Vietnam und“ erschienen, den man nicht vergisst. Von Ludwig Marcuse wurde der vehement abgelehnt. 1968 vollzog Fried eine Kehrtwende. Er wurde zum engagierten Lyriker der Studentenrevolte und reiste viel nach Deutschland. Seine Liebesgedichte verkauften sich 150.000 mal. 1983 erhielt Erich Fried den Bremer Literaturpreis, 1968 den Büchnerpreis.
Aber es gab auch harte Kritik. Jörg Drews nannte Erich Fried einen „Merkverselieferanten“. Und in seiner unnachahmlichen Schärfe charakterisierte Henryk M. Broder Fried als „Mutter Teresa für den kritischen Studienrat mit SDS-Erfahrung“. Da ist was dran. Die Linken hören so etwas natürlich nicht gerne. Erich Fried gebärdete sich als „Antizionist“. Aber Marcel Reich-Ranicki schrieb: „Der Name Erich Fried wird nicht in Vergessenheit geraten, darf nicht in Vergessenheit geraten.“ Das stimmt (Jan Süselbeck, taz 6.5.21).