3200: Rechtsextremist wird man heute im Netz.

1. Der Mörder von Halle, Stephan Balliet, ist zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt worden. Er hatte zwei Menschen ermordet und vorgehabt, die Besucher der Synagoge von Halle zu ermorden.

2. Balliets Vernehmer vom BKA konnten ihn nur schwer verstehen. Sie kannten seine Sprache nicht und wussten zunächst nicht, was „DDLC“ und „Goonswarm“ bedeutete.

3. Balliets Vernehmern fehlten seine Begriffe, Zugänge, Zusammenhänge.

4. Balliet gehört zu den rechtsextremistischen Einzelgängern, die sich im Netz heranbilden.

5. Sie kämpfen gegen die „Vernichtung der weißen Rasse“.

6. Anders als bei herkömmlichen Neonazi-Gruppen gibt es bei ihnen keine konspirativen Treffen, die sich beobachten ließen, keine internen Chats, die Polizisten mitlesen könnten.

7. In der Entwicklung dieser Täter gibt es eine klare Linie. Sie beginnt bei dem norwegischen Massenmörder Anders Breivik, der 2011 in einem sozialdemokratischen Jugendcamp auf der Insel Utöya 69 Menschen ermordete.

8. Sie setzt sich fort bei Brenton Tarrant, der 2019 im Live-Stream von Facebook übertrug, wie er während des Freitagsgebets in einer Moschee im neuseeländischen Christchurch Dutzende Menschen erschoss.

9. Breivik erklärte sich zum Kreuzritter im Kampf gegen die marode liberale Gesellschaft, Tarrant schrieb vom „großen Austausch“ der europäischen Völker gegen fremde Migranten.

10. Beide waren voller Hass auf Juden und Muslime.

11. Ein BKA-Beamter sagte: „ich verstehe diese Welt nicht.“ Wissen unsere Behörden überhaupt, vor wem sie uns da schützen sollen?

12. Ihren Ursprung hat die Welt der Breivik, Tarrant und Balliet auf Image-Boards im Netz, wo sich Neonazis, Holocaustleugner und Verschwörungsfreaks austauschen.

13. Eine große Rolle spielt dabei die Incel-Bewegung, eine Gruppe von Männern, die keinen Erfolg bei Frauen haben und aus dieser Schmach einen grenzenlosen Hass auf den modernen Feminismus ableiten.

14. Stephan Balliet unterhielt ein Profil auf der Spieleplattform Steam.

15. Bei seinem Anschlag hatte er eine Kamera bei sich, mit der er alles filmte.

16. Dadurch hatte er wahrscheinlich den Eindruck, nicht alleine zu sein.

17. Die Täter haben längst Plattformen wie Facebook verlassen und bewegen sich auf Diensten wie 4Chan, 8Chan oder Meguca, die brutal und obskur daherkommen.

18. Eine Nebenklägerin von Halle, Naomi Henkel-Gümbel, sagte, ihre Furcht vor einem neuen Anschlag sei nicht geringer geworden. „Der Prozess zeigt, dass wir alle diese Sorge teilen sollten.“ (Paul Middelhoff, Martin Nejezchleba, Die Zeit 17.12.20)

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