Sascha Lobo ist ein anerkannter Internet-Erklärer. Die SPD hatte ihn schon als Experten verpflichtet. Nun veröffentlicht er einen Widerruf seines digitalen Optimismus (FAS 12.1.14). Er knüpft bei Sigmund Freud an. Der hatte bekanntlich von den drei Kränkungen der Menschheit gesprochen. Durch
Nikolaus Kopernikus,
der uns gezeigt hat, dass der Mensch nicht der angenommene Mittelpunkt der Welt ist. Durch
Charles Darwin,
der belegt, dass der Mensch vom Affen abstammt. Und durch
Sigmund Freud
selbst, der uns lehrt, dass der Mensch nicht wirklich Herr im eigenen Hause ist, sondern vom Unbewussten gesteuert wird. Dazu kommt nun die vierte Kränkung, die digitale, bei der wir merken, dass die Versprechungen des Internets nicht stimmen: Demokratisierung, soziale Vernetzung, Teilhabe an Bildung und Kultur. An die Stelle dessen ist die totale Überwachung getreten, durch undemokratische, bigotte Kräfte wie die NSA. „Was so viele für ein Instrument der Freiheit hielten, wird aufs Effektivste für das exakte Gegenteil benutzt.“ Und viele Menschen seien sich dieser Repression noch nicht einmal bewusst. Die delikatesten Daten jeder Person befänden sich auf vielen hundert Servern, von denen wir nicht wüssten, wo sie stünden.
Angela Merkel habe im Telefongespräch mit Barack Obama die NSA mit der Stasi verglichen. Damit soll wohl gemeint sein: gleichgesetzt. Lobo spricht das nicht aus, meint es aber. Er hofft nur, dass Merkel in ihren Handy-Gesprächen nichts gesagt habe, was sie erpressbar mache. Es lasse sich eine „Erpressbarkeit der jahrelang abgehörten Bundeskanzlerin nicht mehr als absurd ausschließen“. „Geheimdienste betreiben entgegen vieler Beteuerungen gezielt Wirtschaftsspionage.“
Am stärksten gekränkt ist nach Sascha Lobo die „Netzgemeinde“, in Deutschland etwa 30.000 Personen. Sie hätten einen wichtigen Teil des digitalen Diskurses geführt. Daran hätten sich jahrelang sogar Abgeordnete aller Parteien sachkundig beteiligt, „und dann wird Dobrindt Digitalminister. Dobrindt.“
„Das Bild der Politik, das sich die Netzgemeine zurechtgelegt hatte, entsprach ebenso nicht der Realität. Diese gönnerhafte Freude, das Gefühl der Bestätigung, irgendwie doch zur Avantgarde zu gehören, als Obama anfing zu twittern. Endlich nimmt die Politik unser Internet ernst! Dabei wurden zu diesem Zeitpunkt längst Milliarden für die Überwachung des Internets investiert, viel ernster hätte man es gar nicht nehmen können. In gewisser Weise hat die NSA im Internet wesentlich größere Chancen zur Weltverbesserung gesehen als selbst die Netzgemeinde. Nur dass sie eine ganz andere Auffassung von Weltverbesserung hat.“
Sascha Lobo möchte einen neuen Internetoptimismus entwickeln. Mir ist nicht klar, wie das gehen könnte. Denn er schreibt am Schluss selbst: „Das große Ausspähen ist nicht vorbei. Und wird es vielleicht niemals sein.“